Zweitlinien-Chemotherapie bei Blasenkrebs

Blasenkrebs ist eine heimtückische Tumorerkrankung der Harnblase, da die Erkrankung zunächst sehr lange Zeit ohne Beschwerden abläuft und damit oft zu spät erkannt wird. Die Folge ist, dass dann häufig nicht nur die Harnblase betroffen ist, sondern der Tumor sich weiter im Körper ausgebreitet hat (metastasiert ist). Dann spricht man von einem fortgeschrittenen Stadium der Krankheit, die nur noch radikal operativ, mit Radiotherapie, Chemotherapie oder einer Kombination aus allem mit mäßigem Erfolg behandelt werden kann. Denn oft treten in der Folge erneut Tumoren auf. Nun gibt den Betroffenen ein neues Medikament Hoffnung, das mit dem Wirkstoff Vinflunin, um die Erkrankung nach einer erfolglosen Chemotherapie mit einem erneuten Auftreten (Rezidiv) erfolgreich in den Griff zu bekommen. Hier spricht man dann von Zweitlinien-Chemotherapie oder auch Second-Line Therapie.

Vinflunin

Für die Behandlung des fortgeschrittenen oder metastasierten Blasenkrebs hat sich eine Cisplatin-haltige Chemotherapie, auch in Verbindung mit anderen Wirkstoffen, wie z.B. Gemcitabine, für die Erstbehandlung etabliert. Sehr oft wirkt diese Art der Chemotherapie jedoch nicht (Resistenzen gegen die Wirkstoffe), Therapieabbruch nach dem Auftreten von Unverträglichkeiten oder ein Wiederauftreten von Tumoren oder Metastasen (Rezidiven). Versagt also diese platin-haltige Chemotherapie, stand den Betroffenen und Ärzten bislang kein empfohlener Therapiestandard für eine Zweitlinien-Chemotherapie (Chemotherapie mit einer anderen Wirkstoffklasse oder einem anderen Ansatz der Therapie nach erfolgloser Erstlinien-Therapie) zur Verfügung. Heute kann für diese Fälle eine neue Wirksubstanz, Vinflunin, eingesetzt werden und wird auch ausdrücklich empfohlen.

Was ist und bewirkt Vinflunin?

Der Wirkstoff Vinflunin gehört zur Gruppe der Vinca-Alkaloide. Er bindet an Tubulin, eines der Zellproteine, das zur Bildung des Skeletts von Zellen bedeutsam ist, das die Zellen bei ihrer Teilung aufbauen müssen. Vinflunin stoppt durch die Bindung an Tubulin die Bildung dieses Zell-Skeletts und verhindert so die Teilung und Ausbreitung von Tumorzellen. Da alte Tumorzellen nach einer gewissen Zeit absterben, benötigen sie jedoch für ihr Weiterbestehen die Zellteilung, genauso, wie zu deren Ausbreitung. Ohne die Möglichkeit dieser Erneuerung und Ausbreitung wird die Anzahl der Tumorzellen vermindert und der Tumor verkümmert und stirbt unter günstigen Bedingungen in Gänze ab. Hier spricht man vom kontrollierten Zelltod (Apoptose).

Wie wird Vinflunin verabreicht?

Die Chemotherapie mit einem Vinflunin-haltigen Medikament sollte wie bei anderen Chemotherapien auch nur unter Aufsicht eines Arztes erfolgen, der für die Anwendung von Krebs-Medikamenten qualifiziert ist. Vinflunin wird als Tropfinfusion in eine Vene über einen Zeitraum von 20 Minuten einmal alle drei Wochen gegeben. Die Dosis, die jeweils verabreicht wird, richtet sich nach der Körperoberfläche des Patienten (berechnet anhand von Größe und Gewicht). Die empfohlene Dosis beträgt 320 mg pro m2. Die Dosis kann je nach dem Alter des Patienten, des Allgemeinzustandes, der jeweiligen Vorbehandlungen und ob der Patient an Neutropenie oder Leber- bzw. Nierenproblemen leidet, angepasst werden.

Vor jeder Verabreichung eines Vinflunin-haltigen Medikamentes sollte deshalb ein Bluttest durchgeführt werden, um die Anzahl der Neutrophilen (ein Typ der weißen Blutzellen) festzustellen. Der Grund hierfür ist, dass Neutropenie (eine zu niedrige Neutrophilenanzahl) eine der Nebenwirkungen von Vinflunin-haltigen Medikamenten ist. Auch die Anzahl der weiteren Blutbestandteile wird ermittelt, um deren eventuell vorhandene verminderte Anzahl bestimmen zu können und die individuelle Behandlung dadurch abstimmen zu können.

Weitere mögliche Nebenwirkungen von Vinflunin

Neben der Neutropenie können die häufigsten Nebenwirkungen sein:

  • Leukopenie (geringe Anzahl weißer Blutzellen)
  • Anämie (geringe Anzahl roter Blutzellen)
  • Thrombozytopenie (geringe Anzahl der Blutplättchen)
  • Appetitverlust
  • periphere sensorische Neuropathie (Schädigung der Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks, was zu verminderter Empfindungsfähigkeit führt)
  • Verstopfung
  • Bauchschmerzen, Erbrechen, Nausea (Übelkeit)
  • Stomatitis (Entzündung der Mundschleimhaut)
  • Diarrhö (Durchfall)
  • Alopezie (Haarausfall)
  • Myalgie (Muskelschmerzen)
  • Asthenie (Schwäche)
  • Reaktionen an der Injektionsstelle
  • Fieber und Gewichtsverlust.

Eine vollständige Auflistung der berichteten Nebenwirkungen ist der Packungsbeilage des Medikamentes zu entnehmen.

Wie der europäische öffentliche Beurteilungsbericht (EPAR) für Vinflunin empfiehlt, darf das Medikament nicht bei Patienten angewendet werden, die möglicherweise überempfindlich (allergisch) gegen Vinflunin oder andere Vinca-Alkaloide sind. Es darf außerdem nicht bei Patienten angewendet werden, bei denen eine schwere Infektion vorliegt bzw. in den letzten zwei Wochen aufgetreten ist, oder bei Patienten mit einer Neutrophilenanzahl unter 1500/mm3 bzw. einer Blutplättchenanzahl von weniger als 100 000/mm3. Des Weiteren darf es nicht während der Stillzeit angewendet werden.

Um die häufigsten Nebenwirkungen zu verringern oder zu verhindern wird eine Obstipationsprophylaxe (Verhinderung von Verstopfungen durch die Gabe eines Abführmittels) ab Tag 1 bis Tag 5 oder 7 nach jeder Vinflunin-Anwendung und diätetische Maßnahmen inklusive der Aufnahme von viel Flüssigkeit empfohlen. Diese begleitende Behandlung wird als „best supportive care“ (BSC) bezeichnet.

Patientenerfahrungen mit Vinflunin

Im Forum für Blasenkrebserkrankte, www.forum-blasenkrebs.net , berichten Betroffene über ihre Erfahrungen bei der Behandlung mit Vinflunin:

„Bin 41 jahre alt und kämpfe seit 10 Monaten mit Blasenkrebs. Hatte Chemo mit Cisplatin 6 Zyklen. Zwei Monate nach der letzten Chemo hat‘s mich wieder erwischt. Ab morgen 6 Zyklen Zweittherapie mit Vinflunin“.

„Mittlerweile hat er 2 Zyklen Vinflunin intus, Gott-sei-Dank „nur“ wenig Nebenwirkungen: Verstopfung und Abgeschlagenheit“.

„Viele Erfahrungswerte kann ich leider auch nicht bieten. Nur so viel, mein Stiefvater hat ebenfalls eine Chemo mit Cisplatin und Gecitabin gemacht. Nach vier Zyklen wurde die Chemo beendet. Die Tumormakerwerte waren sehr gut zurückgegangen und auch vergrößerte Lymphknoten hatten sich zurückgebildet. Nach einer 9 wöchigen Pause kam die erste Kontrolluntersuchung und die Werte waren wieder angestiegen. Daraufhin wurde vor 2 Wochen auch bei Ihm eine neue Chemo mit Vinflunin begonnen. Vinflunin gilt, wie du schon schreibst als Zweitlinientherapie bei Versagen von Cis/Gem. Er bekommt alle 3 Wochen eine Gabe. Die erste hat er seit 2 Wochen hinter sich und bisher verträgt er sie sehr gut. Am Tag der Chemo war er etwas müde, aber ansonsten war alles o.k. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, ist eine der häufigsten Nebenwirkungen Verstopfung. Diese gilt es also schon im Vorfeld vorzubeugen.“

Die Zulassung als Medikament

Trotz der berichteten möglichen Nebenwirkungen von Vinflunin-haltigen Medikamenten, überwiegt der Vorteil bei der Behandlung des fortgeschrittenen oder metastasierten Blasenkrebs nach erfolgloser platinhaltigen Chemotherapie und somit erlangte das Medikament im September 2009 die Zulassung der Europäischen Komission (Committee for Medicinal Products for Human Use – CHMP) als Mono- Chemotherapie und ist damit das bisher einzige Medikament für die Zweitlinien-Chemotherapie. Damit ist dieses Medikament europaweit zugelassen.

Zukünftig sollte erforscht werden, ob Vinflunin auch Vorteile bei einer Kombinationstherapie mit anderen Medikamenten bringt.

Fazit

Vinflunin, als einziger zugelassener Wirkstoff für die Zweitlinien-Chemotherapie des fortgeschrittenen und metastasierten Blasenkrebs nach Versagen der Erst-Chemotherapie, hat in klinischen Studien eine gute Wirksamkeit und adäquate Verträglichkeit bewiesen und ermöglicht Betroffenen eine neue Hoffnung auf ein längeres Überleben bei guter Lebensqualität und auch auf Heilung.

Quellennachweis:

  1. European Medicines Agency (EMA): www.ema.europa.eu/docs/de_DE/document_library/EPAR_-_Summary_for_the_public/human/000983/WC500039606.pdf
  2. Pharmazeutische Zeitung Online:
    www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=31925
  3. Blasenkrebs Online-Selbsthilfegruppe:
    www.forum-blasenkrebs.net


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