Urologen im Nationalsozialismus

Prof. Dr. med. Dirk Schultheiss - Quelle: Wahlers-PR

Prof. Dr. med. Dirk Schultheiss – Quelle: Wahlers-PR

Nachdem das Verhältnis von Urologie und Nationalsozialismus bisher nur in Einzelaspekten untersucht wurde, konnten durch substantielle finanzielle Förderung der DGU seit Sommer 2009 zwei medizinhistorische Arbeitsgruppen in Dresden (Prof. Dr. Albrecht Scholz, Julia Bellmann M.A.) sowie in Ulm (Prof. Dr. Heiner Fangerau, Matthis Krischel M.A.) an dieser Thematik arbeiten und haben mittlerweile durch ihre umfangreichen Quellenstudien einen bemerkenswerten Wissenszuwachs zu verzeichnen. Die Arbeitsgruppe wird koordiniert durch den Archivar der DGU (Prof. Dr. Dirk Schultheiss) und den Vorsitzenden des AK „Geschichte der Urologie“ (Dr. Friedrich Moll M.A.). Kooperationen bestehen bisher mit einem Historikerteam aus Wien (Univ.-Doz. Dr. Manfred Skopec, Mag. Friederike Butta-Bieck) sowie dem Curator der AUA (Prof. Dr. Rainer Engel).

Bei den Arbeiten wird zunächst das persönliche biographische Schicksal der zumeist jüdischen und jüdischstämmigen Urologen in Deutschland und Österreich möglichst vollständig recherchiert und dokumentiert, um diese im kollektiven Gedächtnis der Urologen lebendig zu halten. Durch die Auswertung der Selbstauskünfte in den Reichsmedizinalkalendern der 1930er Jahre ergibt sich eine bisher angenommene Gesamtanzahl von 866 Urologen bzw. urologisch tätigen Ärzten.

Bisher sind davon 237 jüdische bzw. unter dem Rassegesetz als nicht arisch geltende Ärzte bekannt, was mit ca. 27% dem bisher höchsten bekannten Prozentsatz jüdisch-stämmiger Ärzte innerhalb einzelner medizinischer Fachgebiete entspricht (unter den Dermatologen sind es ca. 25%).

577 Urologen gelten als „arisch“ (67%), wohingegen bei den restlichen 52 Urologen bisher noch keine sichere Zuordnung erfolgen konnte. Von den bis jetzt 237 bekannten jüdischstämmigen Urologen, sind bisher bei 204 Ärzten die biographischen Wege in den 1930er und 1940er Jahren bekannt: 125 Personen emigrierten, 36 Personen wurden deportiert (von denen nur einer überlebte), 38 Personen verstarben (bei 9 Suizid gesichert) und 5 Personen konnten in Deutschland überleben.

In Österreich konnten im entsprechenden Zeitraum bisher 60 Ärzte als Urologen identifiziert werden; hierbei beträgt nach aktuellem Studienstand der Anteil der jüdischstämmigen Kollegen genau 50%.

Darüber hinaus wird aber auch die Fachentwicklung der Urologie und die sich hieraus ergebenden gesundheitspolitischen Dimensionen unter dem Nationalsozialismus erforscht, was insbesondere den Aspekt der Täterschaft in den Reihen der urologischen Kollegen zu beurteilen hat. Erst im Jahr 1924 war überhaupt die Facharztbezeichnung Urologie eingeführt worden, und trotz eines vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten überdurchschnittlich hohen Anteils jüdischer Ärzte in der Urologie setzte sich in den 1930er und 1940er Jahren eine medizinisch-disziplinäre Bewegung hin zur Eigenständigkeit fort, die sich beispielsweise durch selbständige urologische Abteilungen an Kliniken (z.B. Berlin – Virchow 1933, Köln – Hohenlind 1939, Berlin – Westend 1940) zeigt und dem Fach den ersten eigenen „ordentlichen Lehrstuhl“ (Otto Ringleb – Charité Berlin 1937) und die erste eigenständige Habilitation (Karl Heusch, bei Ringleb, 1942) einbrachte.

Diese Eigenständigkeit konnte das Fach erst ab den 1970er Jahren wieder erreichen. Erste Ergebnisse zeigen, dass die Lebenswege der einzelnen Protagonisten und die medizinische Forschung durch weltanschauliche und gesellschaftliche Faktoren beeinflusst wurden. Hierbei lassen sich im Wesentlichen drei Täterprofile aufstellen, die auch durch zahlreiche Einzelbiographien nachvollzogen wurden:

a) überzeugte Nationalsozialisten und Antisemiten sowie Ärzte, die sich durch das Ausscheiden der jüdischen Kollegen eine bessere Stellung versprachen;

b) Mitläufer, die durch die gestärkteRolle der Ärzteschaft als „Bewahrer der Volksgesundheit“ und durch die verbesserte wirtschaftliche Lage der Ärzte im NS angesprochen wurden; c) Fachvertreter, die sich mit dem NSSystem gemein machten, um (auch) die Unabhängigkeit ihres Faches (gegenüber der Chirurgie) zu stärken.

Die 1906 gegründete Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGfU) ruhte ab 1933, und wurde durch die GesellschaftReichsdeutscher Urologen (GrU) ersetzt. Am Beispiel der Urologie lässt sich die Verstrickung einer Fachgesellschaft und einzelner Mediziner in das Gefüge des nationalsozialistischen Terrorregimes nachzeichnen.

Einen wichtigen Anknüpfungspunkt der Ärzteschaft an das Dritte Reich stellte die „Rassenhygiene“ dar, da sie den Ärzten ein breites, gesellschaftlich relevantes Betätigungsfeld bot. Insbesondere die Sterilisation und Zwangssterilisation „erbkranker“ Menschen im Rahmen des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ muss im Zusammenhang mit der Urologie thematisiert werden und findet namhafte Protagonisten in ihren Reihen.

Die hier begonnene Forschungsarbeit „Urologen im Nationalsozialismus“ wird über das Jahr 2010 hinaus von der DGU gefördert und soll zum nächsten Jahreskongress 2011 in Hamburg mit einem ausführlichem Vortragsforum, sowie einer angemessenen Publikation der Urologenschaft sowie interessierten Medizinern, Historikern und der weiteren Öffentlichkeit zugängig gemacht werden.

Hier das Video vom Vortrag:

Statement: Prof. Dr. med. Dirk Schultheiss


Krebszeitung

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