Tumorzellen zum Selbstmord überreden

Mit welchen molekularen Botschaften kann man Tumorzellen zum Rückzug bewegen? Forscher des Pathologischen Instituts am Universitätsklinikum Heidelberg und des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) haben Signalketten entschlüsselt, die das Selbstmordprogramm von Tumorzellen beeinflussen und neue Ansatzpunkte für eine Therapie aufzeigen. Für seine Arbeiten zu diesem Thema erhielt Privatdozent Dr. Wilfried Roth, Leiter einer von der Deutschen Krebshilfe geförderten Nachwuchsgruppe am DKFZ und Pathologischen Institut, den mit 5.000 Euro dotierten Rudolf-Virchow-Preis. Die Auszeichnung wurde bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Pathologie vom 4. – 7. Juni 2009 in Freiburg verliehen.

Heidelberger Pathologe Privatdozent Dr. Wilfried Roth mit dem Rudolf- Virchow-Preis ausgezeichnet

Apoptose heißt das Zauberwort: Normalerweise besitzt jede Zelle ein Programm, das unter entsprechenden Bedingungen den Tod der Zelle auslöst (Apoptose). Eine elegante Methode, Tumorzellen zum Verschwinden zu bringen, ist die Möglichkeit, dieses Selbstmordprogramm in Gang zu setzen. Die molekularen Abläufe der Apoptose sind jedoch äußerst komplex und können an vielen Stellen gestört sein. Besonders Tumorzellen entwickeln zahlreiche Strategien, um sich dem Zelltod zu entziehen.

Im Pathologischen Institut und im DKFZ tätig

Bereits während seines Studiums in Tübingen beschäftigte sich Wilfried Roth in seiner Doktorarbeit mit dem Thema Apoptose. Im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsaufenthaltes in den USA (Burnham Institute, San Diego) konnte er seine Kenntnisse hierzu weiter vertiefen. Seit 2004 ist er am Pathologischen Institut des Universitätsklinikums Heidelberg (Ärztlicher Direktor: Professor Dr. Peter Schirmacher) tätig, wo er sich auch habilitierte. Neben seiner Arbeit als Oberarzt leitet der 39-jährige exzellente Forscher seit 2005 die von der Deutschen Krebshilfe geförderte Max-Eder-Nachwuchsgruppe am Deutschen Krebsforschungszentrum.

„Forschung ist natürlich Teamwork“, sagt Wilfried Roth, „und da ich mich für den Virchow-Preis mit mehreren Veröffentlichungen beworben habe, ist die Arbeit zahlreicher Personen in diese Forschungsergebnisse geflossen.“ Seine Mitarbeiter arbeiten sowohl am Pathologischen Institut als auch am Deutschen Krebsforschungszentrum.

Neue Therapieansätze durch Eingreifen in die Signalketten

Die Wissenschaftler um Roth versuchen, entscheidende Regulationsschritte im Ablauf des Zelltodes ausfindig zu machen, um dort mit neuen Wirkstoffen das Tumorwachstum zu bekämpfen. Dabei kann bei jeder Tumorart ein anderer Schritt verändert sein. Hirntumoren zum Beispiel produzieren ein Protein, das den Zelltod hemmt. Dadurch sind sie schwerer zu therapieren. Verhindert man die Bildung dieses Proteins, so kann die Zelltodkaskade wieder ablaufen.

In Nierentumoren ist dagegen ein bestimmter, den Zelltod auslösender Rezeptor, vermehrt vorhanden. Roth und seine Mitarbeiter sehen hier die Möglichkeit, mit Wirkstoffen, die gezielt an diesem Todesrezeptor angreifen, die Therapie wirksamer zu machen.

Aussagekräftige Prognosefaktoren für die Therapieentscheidung

Patienten mit einem voraussichtlich schwereren Verlauf der Krebserkrankung können von zusätzlichen, z.T. neuen Therapien profitieren. Unabhängige Prognosefaktoren helfen, sich für solche adjuvante Therapiestudien zu entscheiden. Die Forschergruppe um Roth identifizierte bei Patienten mit einem Nierentumor Faktoren in der Apoptose-Signalkette, die den Verlauf und die Sterblichkeit anzeigen
können: Das Protein DcR3 (Decoy Receptor 3) bindet und inaktiviert dadurch einen Botenstoff, der den Zelltod auslöst. DcR3 kann im Blut gemessen werden und weist bei erhöhten Werten auf eine ungünstige Prognose hin. Ähnliches gilt für einen Todesrezeptor und den an ihn bindenden Botenstoff, deren Vorkommen im Tumorgewebe überprüft wird.

Rudolf-Virchow-Preis: Höchste Auszeichnung für Pathologen

Der Rudolf-Virchow-Preis ist nach dem Gründer der Pathologie benannt.
Er wird seit 1980 jährlich von der Deutschen Gesellschaft für Pathologie an einen Pathologen unter 40 Jahren verliehen und stellt die höchste Auszeichnung für Pathologen in Deutschland dar.

Literatur:

Macher-Goeppinger S, Aulmann S, Tagscherer KE, Wagener N, Haferkamp A, Penzel R, Brauckhoff A, Hohenfellner M, Sykora J, Walczak H, Teh BT, Autschbach F, Herpel E, Schirmacher P, Roth W Prognostic value of Tumor Necrosis Factor-Related Apoptosis-inducing ligand (TRAIL) and TRAIL receptors in renal cell cancer. Clinical Cancer Research 15, 650-659, 2009.

Tagscherer KE, Fassl A, Campos B, Farhadi M, Kraemer A, Boeck BC, Macher-Goeppinger S, Radlwimmer B, Wiestler OD, Herold-Mende C, Roth W Apoptosis-based treatment of glioblastoma with ABT-737, a novel small molecule inhibitor of Bcl-2 family proteins. Oncogene 27, 6646-56, 2008.
Weitere Informationen:

www.klinikum.uni-heidelberg.de/Pathologie.106594.0.html

Ansprechpartner:

PD Dr. med. Wilfried Roth
Pathologisches Institut
Universitätsklinikum Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 220/221
69120 Heidelberg
Tel: 06221 / 56-26 47
Email: Wilfried.Roth(at)med.uni-heidelberg.de

Oder:

Molekulare Neuro-Onkologie
Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)
Im Neuenheimer Feld 280
69120 Heidelberg

Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg Krankenversorgung, Forschung und Lehre von internationalem Rang Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der größten und renommiertesten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international bedeutsamen biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa.

Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung neuer Therapien und ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 7.000 Mitarbeiter und sind aktiv in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 40 Kliniken und Fachabteilungen mit 1.600 Betten werden jährlich rund 500.000 Patienten ambulant und stationär behandelt.

Derzeit studieren ca. 3.100 angehende Ärzte in Heidelberg; das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland. (Stand 12/2008) www.klinikum.uni-heidelberg.de

Pressemitteilung vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ)


Krebszeitung

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