Studie: Linsitinib hilft bei Nebennierenkrebs nur sehr wenigen Patienten, diesen jedoch extrem gut

Links die normale Lage der Nebennieren (gelbe Pfeile) im Körper, rechts ein Nebennieren-karzinom in einer kernspintomographischen Darstellung. Bild: Medizinische Klinik

In einer vom Universitätsklinikum Würzburg und der University of Michigan in Ann Arbor/USA geleiteten Studie wurde das experimentelle Medikament Linsitinib bei 90 Patienten mit Nebennierenkrebs getestet. Nur vier der Patienten sprachen auf die Behandlung an – allerdings bemerkenswert gut.

Das Nebennierenkarzinom ist eine bösartige und sehr aggressive Tumorerkrankung. Trotz einiger Fortschritte in den letzten Jahren stirbt weiterhin fast die Hälfte der Betroffenen innerhalb der ersten vier bis fünf Jahre nach der Erstdiagnose. In Deutschland erkranken pro Jahr zwischen 80 und 120 Menschen, was den Nebennierenkrebs zu einer seltenen Krankheit macht. Mit Ausnahme einer Kombinations-Chemotherapie, die maßgeblich von Krebsforschern des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) etabliert wurde, gibt es nur wenige gute Therapieoptionen.

Internationale Studie mit 139 Teilnehmern

Als neuen Behandlungsansatz erprobte eine internationale Phase III-Studie zwischen den Jahren 2009 und 2011 das experimentelle Medikament Linsitinib bei 90 Patienten. Als Kontrollgruppe erhielten 49 weitere Menschen mit Nebennierenkarzinom ein Placebo. Die Ergebnisse wurden jetzt auf der Homepage der renommierten britischen Fachzeitschrift „The Lancet Oncology“ veröffentlicht – und sind auf den ersten Blick ernüchternd: Bei 86 der 90 Studienteilnehmer zeigte sich im Überleben kein Unterschied zur Kontrollgruppe, was die Studie an sich zu einem Fehlschlag macht. Jedoch: Vier Patienten sprachen extrem gut auf das Medikament an: Bei ihnen ließ sich die Erkrankung jeweils über mehr als zwei Jahre kontrollieren. Bei drei Patienten kam es sogar zu einer deutlichen Reduktion der Tumormassen, die für über drei Jahre anhielt – und dies bei erstaunlich wenig Nebenwirkungen. „Eine der Würzburger Patientinnen nimmt das Medikament jetzt schon seit viereinhalb Jahren ein und die Erkrankung ist auf den CT-Bildern kaum noch zu sehen“, berichtet Prof. Martin Fassnacht. Der Schwerpunktleiter Endokrinologie/Diabetologie der Medizinischen Klinik und Poliklinik I des UKW ist einer der Hauptkoordinatoren und Erstautor der Studie. „Einen solch erfreulichen Verlauf habe ich bisher bei kaum einer anderen Therapie gesehen und das, obwohl Würzburg zu den wenigen großen Referenzzentren weltweit für diese Erkrankung gehört“, unterstreicht der Internist und Krebsexperte.

Eine Chance für personalisierte Medizin?

„In weiteren Studien muss es jetzt darum gehen, herauszufinden, welche – zum Beispiel genetischen – Faktoren bei den ‚erfolgreichen‘ Patienten dazu führen, dass Linsitinib gerade bei ihnen so gut wirkt“, sagt Prof. Fassnacht und fährt fort: „Die Hoffnung ist jetzt, dass es uns in der Zukunft gelingt, mit einer noch stärker personalisierten Medizin maßgeschneiderte, individuell wirksame Therapieoptionen zu entwickeln.“

Ein Musterbeispiel für ein internationales Netzwerk

Da das Nebennierenkarzinom sehr selten ist, müssen viele klinische Einrichtungen kooperieren, um die für aussagefähige Studien erforderlichen Patientenzahlen zusammenzubekommen. So waren an der hier beschriebenen Untersuchung insgesamt 35 Institutionen aus folgenden neun Ländern beteiligt: Australien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada, den Niederlanden, Polen und den USA. Mit 16 bzw. 17 Patienten brachten das Universitätsklinikum Würzburg und die University of Michigan in Ann Arbor/USA die meisten Teilnehmer ein. Das Würzburger Nebennierentumorzentrum ist Teil des Comprehensive Cancer Centers (CCC) Mainfranken und konnte deshalb auf eine sehr gute Infrastruktur zurückgreifen. Das am Uniklinikum Würzburg angesiedelte, integrative onkologische Zentrum zählt zu den von der Deutschen Krebshilfe geförderten deutschen Spitzeneinrichtungen der Krebsbehandlung und -erforschung.

Der englischsprachige Online-Artikel zu den Ergebnissen der Studie findet sich unter www.thelancet.com/journals/lanonc/onlineFirst.

Kontakt:
Prof. Martin Fassnacht
Tel: 0931-201-39202
E-Mail: Fassnacht_M@ukw.de

So funktioniert Linsitinib

Eine der großen Hoffnungen der internationalen Krebsforschung beruht darauf, gezielt wichtige Strukturen in den Tumorzellen anzugreifen, wodurch diese getötet, die gesunden Zellen des Organismus aber nicht oder nur wenig angegriffen werden. „Beim Nebennierenkarzinom weiß man seit einigen Jahren, dass ein bestimmter Wachstumsfaktor, der Insulin-like growth factor oder kurz IGF-II, in den Tumorzellen im Vergleich zu normalen Nebennierenzellen oder den Zellen von gutartigen Nebennierentumoren deutlich vermehrt vorkommt“, schildert Prof. Fassnacht. Dies mache den Wachstumsfaktor zu einem attraktiven Ziel für eine mögliche Therapie. Das experimentelle Krebsmittel Linsitinib greift genau hier an, in dem es den Weg, wie IGF-II wirkt, in der Zelle blockiert. Die Blockade des sogenannten IGF-Rezeptors soll dazu führen, dass die Tumorzellen zumindest im Wachstum gehemmt werden oder idealerweise sogar absterben.

Pressemitteilung
Universitätsklinikum Würzburg, Susanne Just


Krebszeitung

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