Studie belegt Behandlungsdefizite bei Patientinnen mit Eierstock-Krebs

Tiefgefrierung von Eierstockgewebe - Quelle: Prof. Dr. Ralf Dittrich, Frauenklinik Erlangen.Tiefgefrierung von Eierstockgewebe - Quelle: Prof. Dr. Ralf Dittrich, Frauenklinik Erlangen.

(HAMBURG) Patientinnen mit Eierstock-Krebs haben eine bessere Überlebenschance, wenn sie sich in Kliniken behandeln lassen, die an wissenschaftlichen Studien teilnehmen – unabhängig davon, ob sie selbst im Rahmen einer klinischen Studie behandelt werden oder nicht. Dies belegt eine aktuelle Untersuchung, die Experten auf dem 55. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in Hamburg präsentieren. Die Studie belegt darüber hinaus, dass die Therapie-Ergebnisse in Deutschland – trotz Forschritte in den letzten Jahren – das internationale Niveau noch nicht erreicht haben.

Das Langzeitüberleben von Patientinnen mit einem Ovarialkarzinom hat sich in den letzten 30 Jahren kontinuierlich verbessert. Mittlerweile wird die Hälfte der Frauen weltweit geheilt – sie überlebt die kritische 5-Jahres-Grenze. Ursache dafür ist – neben allgemeinen medizinischen Verbesserungen – vor allem die konsequente Weiterentwicklung der operativen und medikamentösen Therapien im Rahmen kontrollierter klinischer Studien. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse wurden inzwischen in nationale und internationale Therapieempfehlungen überführt.

Klinischen Studien dienen jedoch nicht nur der Optimierung und Entwicklung von Therapiestrategien, sondern sind auch eine wichtige Form der Qualitätssicherung. Dies belegen die Untersuchungen der Organkommission Ovar der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische o­nkologie (AGO) der DGGG. Nur wenige Kliniken nehmen an Studien teil. In Deutschland gibt es mehr als 1.100 Kliniken, in denen Patientinnen mit Ovarialkarzinomen behandelt werden. Allerdings nehmen nur etwa 20 Prozent an klinischen Studien teil. Wie die Therapiequalität in den nicht teilnehmenden Zentren aussieht, ist darum weitgehend unbekannt.

Eine erste Umfrage der Organkommission Ovar der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische o­nkologie (AGO) im Jahr 2000 hatte ergeben, dass die Qualität der Versorgung von Patientinnen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom in Deutschland heterogen und insgesamt verbesserungs-bedürftig war. Etwa eine von fünf Patientinnen wurde damals innerhalb eines zertifizierten Studienprotokolls behandelt, d. h. sie erhielt eine dem internationalen und nationalen Standard entsprechende Therapie. An der Befragung hatten 87 Kliniken freiwillig teilgenommen, es wurden die Daten von 411 Patientinnen mit einem fortgeschrittenen Ovarialkarzinom selektiert und ausgewertet. Diese Befragung hat die AGO 2002/2004 in modifizierter Weise wiederholt. Von 478 der insgesamt 1.123 angeschriebenen Kliniken (43 Prozent) konnten die Ärzte Daten zur Versorgungsstruktur und von 156 Kliniken (14 Prozent) Daten zur Therapiequalität erheben.

In der Umfrage zur Therapiequalität analyisierten die Forscher die Daten aller Patientinnen, die im dritten Quartal 2001 wegen eines fortgeschrittenen Ovarialkarzinoms an den teilnehmenden Zentren behandelt wurden. Die Überlebensdaten wurden bis heute erfasst. Insgesamt konnten die Ärzte die Daten von 476 Patientinnen auswerten. Dies entspricht in etwa einem Drittel aller Patientinnen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom, die in diesem Quartal behandelt wurden. Damit sind die Ergebnisse dieser Erhebung hoch repräsentativ für Deutschland.

Die Behandlung muss besser werden

Die Untersuchung belegt, dass sich die Behandlungsqualität im Vergleich zu den Umfrageergebnissen aus dem Jahr 2000 insgesamt verbessert hat. Dennoch sehen die Experten weiterhin Optimierungsbedarf. Dies betrifft sowohl die operativen Leistungen als auch die Chemotherapie. Nur bei 34 Prozent der Patientinnen konnten die Ärzte den Tumor vollständig entfernen – in anderen Industrienationen gelingt dies bei der Hälfte der Frauen. Und während in anderen Ländern die Chemotherapie nach der Operation ein Standardverfahren ist – alle Patientinnen bekommen sie – verordnen die deutschen Mediziner diese Therapie nur drei Viertel der Frauen. Der Anteil der Patientinnen, die in Studien behandelt werden, ist in etwa gleich geblieben. Er liegt indes deutlich höher als bei Brustkrebs-Patientinnen, von denen gerade einmal zwei Prozent im Rahmen von Studien behandelt werden.

In welche Klinik? Eine lebenswichtige Entscheidung.

Die größtmögliche Chance auf optimale Behandlung finden betroffene Frauen in einer Klinik, die an klinischen Studien teilnimmt: Lässt sich eine Patientin in einer Klinik, die sich nicht an klinischen Studien beteiligt, behandeln, so ist ihr Risiko, innerhalb von 2 Jahren an ihrer Erkrankung zu versterben, um 60 Prozent höher im Vergleich zu einer Behandlung in einer Studienklinik. Dies gilt unabhängig davon, ob die Patientin selbst im Rahmen einer klinischen Studie behandelt wird oder nicht. Im Vergleich hierzu von untergeordneter Bedeutung, aber dennoch wichtig, ist auch der Versorgungstyp der Institution: So bietet die Behandlung in einer Universitätsklinik, einem Krankenhaus der Maximal- oder Zentralversorgung bessere Überlebenschancen als die Behandlung in einem Haus der Schwerpunkt- oder Grund- und Regelversorgung. Appell an die Arztkollegen. Daher fordern die Experten der AGO ihre Kollegen auf, die heute geltenden Standards (www.ago-online.de und www.eierstock-krebs.de) umzusetzen und sich an den Therapiestudien zu beteiligen.

„Wir rufen zur freiwilligen Selbstkontrolle und zur Teilnahme an unserem Qualitätssicherungsprogramm auf“, so Professor Jacobus Pfisterer von der Frauenklinik der Universität Kiel.

„Die AGO werde sich“, so Pfisterer weiter, „dafür einsetzen, dass die Kosten für die Qualitätssicherung langfristig von den Kostenträgern übernommen werden.“
Als wichtigen Schritt zur Qualitätssicherung bezeichnen die Experten die neue Fachweiterbildung gynäkologische 0nkologie, die bereits in anderen europäischen Ländern existiert und deren Einführung der Deutsche Ärztetag im vergangenen Jahr beschlossen hat.
„In Ländern, in denen die Subspezialität Gynäkologische 0­nkologie bereits etabliert ist, haben Frauen, die von diesen Fachärzten behandelt werden, ein im Mittel um 30 Prozent niedriges Risiko an ihrem Ovarialkarzinom zu versterben, als wenn sie von nicht spezialisierten Ärzten behandelt werden“ erklärt Pfisterer.

HINTERGRUND – OVARIALKARZINOM

Mit einer Inzidenz von 12,8 / 100.000 ist das Ovarialkarzinom die sechsthäufigste Krebserkrankung der Frau. In Deutschland erkranken etwa 8.400 Frauen jährlich an einem bösartigen Tumor der Eierstöcke. Mit zunehmendem Alter steigt die Inzidenz des Ovarialkarzinoms bis auf 54 / 100.000 an.

Die Prognose des Ovarialkarzinoms ist in erster Linie abhängig vom Stadium der Erkrankung zum Zeitpunkt der Erstdiagnose. Wird das Ovarialkarzinom in einem lokal begrenzten Stadium (Stadium I) erkannt, liegt die Fünfjahres-Überlebensrate bei 80-90%. Im Stadium II beträgt die Fünfjahres-Überlebensrate 50-60%, im Stadium III und IV sind die Ergebnisse noch schlechter. Etwa drei Viertel der Fälle werden erst in den fortgeschrittenen Stadien III und IV diagnostiziert, da keine charakteristischen Frühsymptome auftreten und bisher kein Screening für Eierstockkrebs etabliert ist.

Zur Diagnostik des Ovarialkarzinoms dient die gynäkologische Untersuchung in Verbindung mit bildgebenden Verfahren wie beispielsweise transvaginalem Ultraschall, eventuell in Verbindung mit Blutuntersuchungen des Tumormarkers CA-125.

Zwei Drittel der Patientinnen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom können nicht geheilt werden. Im Jahr 1998 starben in Deutschland 6.027 Frauen an einem Ovarialkarzinom. Das Ovarialkarzinom ist somit in Relation zur Anzahl der Erkrankten die führende Todesursache unter den gynäkologischen Tumoren.

Die Primärtherapie des Ovarialkarzinoms besteht aus einer möglichst vollständigen Entfernung des Tumorgewebes. Standard ist heute die Längsschnitt-Laparatomie mit dem Ziel der vollständigen Tumorentfernung bzw. einer maximalen Größe der Resttumoren von weniger als 1cm. Je weniger Resttumor verbleibt, desto besser ist die weitere Prognose. Anschließend an die Operation wird fast immer eine Chemotherapie durchgeführt. Konnte der Tumor vollständig entfernt werden, so spricht man von einer „adjuvanten“ Chemotherapie, deren Ziel die Heilung ist. Bei verbleibenden Tumorresten soll die Chemotherapie die Tumormasse verkleinern und die Überlebenszeit verlängern. Kann keine Heilung erzielt werden, so bezeichnet man dies als „palliative“ Chemotherapie.

Die Einführung der Platinverbindungen in das chemotherapeutische Arsenal gegen Eierstockkrebs reduzierte die Morbidität und die Mortalität von Patientinnen mit fortgeschrittener Erkrankung deutlich. Seit Ende der Achtziger Jahre werden daher die Platinderivate als Standard-Chemotherapeutika in dieser Situation betrachtet. Bis vor wenigen Jahren stellte die Kombinations-Chemotherapie aus einem Platinderivat mit einer alkylierenden Substanz die beste therapeutische Option dar. Heute wird die Kombination von Carboplatin mit Paclitaxel als Standard für die First-line-Therapie des fortgeschrittenen Ovarialkarzinoms angesehen. In aktuellen klinischen Studien wird derzeit überprüft, ob die Addition einer dritten Substanz zu dieser Zweierkombination in bestimmten Situationen die Prognose verbessern kann.

Zwei Drittel der Patientinnen erleiden ein Rezidiv oder sprechen nicht auf die Chemotherapie mit Platin/Paclitaxel an. Für Patientinnen mit fortschreitender Erkrankung während der First-line-Therapie oder einem Rezidiv innerhalb des ersten halben Jahres nach Abschluß der Primärbehandlung (Platin-refraktäre Patientinnen) stehen nur noch wenige therapeutische Optionen zur Verfügung. Eine Operation ist nicht sinnvoll und eine erneute Platintherapie sowie eine andere Kombinations-Chemotherapie erbringen keinen Vorteil. So wird in dieser Situation eine Mono-Chemotherapie durchgeführt. Patientinnen, die nach mehr als 6 Monaten ein Rezidiv nach ursprünglich erfolgreicher Chemotherapie erleiden (Platin-sensible Patientinnen), sprechen in der Regel auf eine Wiederbehandlung mit Platin und Paclitaxel an. Alternativ kann hierzu auch die Kombination Carboplatin und Gemcitabine verwendet werden. Ob diese Kombinationsbehandlungen weiter optimiert werden können, wird derzeit in klinischen Studien überprüft.

Detaillierte Informationen zu Diagnose und Therapie sind in den „Kurzgefassten Interdisziplinären Leitlinien für malignen Ovarialtumoren“ der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe aufgelistet. Diese sind im Internet unter www.eierstock-krebs.de und www.ago-online.de abrufbar.

Pressestelle: ProScience Communications –
Die Agentur für Wissenschaftskommunikation GmbH
Barbara Ritzert · Valerie Neher
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ritzert@proscience-com.de

Weitere Informationen finden Sie unter:
www.dggg.de

Pressemitteilung Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften


Krebszeitung

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