Qualitätssicherung in der onkologischen Praxis

Das amerikanische QOPI-System wurde für die ambulante Versorgung initiiert.

Herr Professor Blayney, als früherer ASCO-Präsident haben Sie sich sehr für die Umsetzung der ASCO-Qualitätsinitiative QOPI stark gemacht. Können Sie kurz beschreiben, wie QOPI aufgebaut ist und welche Qualitätskriterien dabei eine Rolle spielen?

Prof. Blayney: QOPI wurde entwickelt, um die Qualität der Arbeit einzelner Onkologen in ihrer Praxis zu überprüfen; dabei handelt es sich üblicherweise um internistische Onkologen. Alle sechs Monate gehen QOPI-Mitarbeiter in die entsprechenden Praxen, um 20 bis 40 zufällig ausgewählte Patientenakten zu analysieren; die genaue Zahl hängt von der Größe der Praxis und den zu untersuchenden Qualitätsparametern ab. Die entsprechenden Daten werden extrahiert und in ein Formular auf der ASCOWebseite eingetragen, das Datensicherheit und Anonymität garantiert. Sechs Wochen später erhält der betreffende Onkologe dann die Auswertung. Er kann damit seine eigene Leistung im Vergleich zu anderen Praxen sehen; deren Ergebnisse werden selbstverständlich verblindet dargestellt.

Einige der untersuchten Qualitätsparameter sind sehr einfach. Wir fragen zum Beispiel: gibt es einen Pathologie-Bericht, der die Krebserkrankung in der Patientenakte dokumentiert. Wir fragen das, weil wir denken, dass eine Biopsie oder der Bericht des Pathologen wichtig für die Diagnose ist. Andere Fragen sind komplexer: Beim Brustkrebs interessieren wir uns zum Beispiel dafür, wie viele der Frauen mit einer Empfehlung für eine Antihormontherapie im frühen Stadium ihrer Erkrankung tatsächlich diese Therapie erhalten. Wir untersuchen auch das Schmerzmanagement bei Patienten am Ende ihres Lebens: hat der betreffende Onkologe sie zu ihren Schmerzen befragt, gibt es einen individuellen Palliativplan für diese Patienten?

Die Kennzahlen, die wir auf diese Weise ermitteln, entsprechen den Prozentsätzen an Patienten, die die empfohlene Behandlung erhalten. Das ist ein generelles Prinzip für unsere Qualitätsmessung: wir analysieren, ob es für die gestellte Diagnose eine evidenzbasierte Behandlung gibt und analysieren dann den Prozentsatz an Patienten, der tatsächlich leitliniengetreu behandelt wird. Diese Zahl gibt uns dann einen Hinweis auf die Qualität unserer Versorgung und die Leistungen der verantwortlichen Onkologen.

Wie lässt sich mit diesem System neben den prozessbezogenen Qualitätsmerkmalen auch die Qualität der Behandlungsergebnisse beurteilen?

Prof. Blayney: Ich denke, wir stimmen alle darin überein, dass die Überlebensrate der beste Parameter zur Messung Behandlungsqualität darstellt. Doch leider haben wir die Patienten nach fünf bis zehn Jahren möglicherweise aus den Augen verloren, auch wenn sie dann noch am Leben sind. Deshalb lässt sich die langfristige Behandlungsqualität schwer erfassen. Mit unseren Kriterien fragen wir deshalb zum einen nach der Qualität der Behandlungsprozesse, also danach, ob der Patient die geeignete Behandlung erhalten hat. Zum anderen konzentrieren wir uns auf die Qualität kurzfristiger Behandlungsergebnisse. Einige haben zum Beispiel mit Schmerzen und Chemotherapie in den letzten Lebenswochen zu tun. Für einen Patienten, der in den nächsten Wochen sterben wird, ist eine Chemotherapie nicht optimal; stattdessen gewinnt das Schmerzmanagement und die Behandlung der Atemnot gerade in den letzten Wochen vor dem Tod eine besondere Bedeutung, auch wenn eine angemessene Schmerzbehandlung zu jedem Zeitpunkt der Erkrankung wichtig ist. Hier können wir Behandlungsergebnisse direkt messen.

In Zukunft wollen wir die Patienten auch direkt dazu befragen: wurden ihre Schmerzen in geeigneter Weise vom Arzt behandelt, haben sie eine Therapie gegen Erbrechen oder Übelkeit als Folge ihrer Chemotherapie erhalten? Diese kurzfristigen Qualitätsmerkmale haben viel mit der Lebensqualität der Patienten zu tun. Zwar führen wir solche Befragungen derzeit noch nicht durch; wir hoffen aber, in Zukunft dorthin zu kommen.

Lässt sich mit QOPI auch die Qualität an der Schnittstelle von Krankenhaus und Onkologiepraxen messen?

Prof. Blayney: Das ist eine gute Frage. In den USA geht der Patient zur Biopsie oder zur Operation in ein Krankenhaus, die meisten der langfristigen Krebsbehandlungen erfolgen dann ambulant in Onkologie-Praxen. D. h. wir fragen ab, wie gut die Prozesse an den Schnittstellen funktionieren, aber da wir in USA gar nicht so viele Schnittstellen haben, gibt es auch nicht so viele Kriterien, die wir an dieser Stelle analysieren. Wir überprüfen allerdings, wo die Berichte über die Diagnose und die frühen Behandlungsschritte hin fließen – üblicherweise zurück in die ambulante Versorgung durch den niedergelassenen Onkologen. So stellen wir sicher, dass dem behandelnden Arzt beim Erstellen seines Behandlungsplans alle wichtigen im Krankenhaus erhobenen Informationen zur Verfügung stehen: der Bericht des Pathologen, der OP-Report und die Informationen zum Tumor-Staging.

Wie gut ist QOPI bei den amerikanischen Onkologen akzeptiert?

Prof. Blayney: Die Akzeptanz ist gut: Schätzungsweise 20 bis 25 Prozent der Onkologen in den USA haben in den letzten fünf Jahren seit dem Start von QOPI am Programm teilgenommen. Wir kennen leider die exakten Zahlen der Onkologiepraxen in den Vereinigten Staaten nicht genau, aber es sind immerhin mehr als 450 Praxen, die sich für QOPI registriert haben und ungefähr 1200 teilnehmende Onkologen. Sie müssen bedenken, die Teilnahme an QOPI ist freiwillig, es gibt keine finanzielle Entschädigung dafür, die Ärzte beteiligen sich aus Überzeugung.

Was sind die nächsten Schritte für QOPI?

Prof. Blayney: Nun, bislang gibt es für QOPI noch einige Beschränkungen. Zunächst einmal liegen die Prozesse, die wir evaluieren, Monate oder im schlechtesten Fall ein bis zwei Jahre zurück. Wir möchten QOPI aber gerne zeitnah gestalten. Wir hoffen auch, die Datenextraktion in Zukunft einfacher machen zu können. Immer häufiger setzen Onkologen und Ärzte in den USA elektronische Patientenakten und Computertechnologien ein. Wir bemühen uns daher um Systeme, mit denen unsere Qualitätsparameter künftig automatisch aus der verwendeten Software ausgelesen werden können, ohne dass eine Schwester oder ein Datenmanager händisch durch jeden Eintrag in der Patientenakte durchgehen müssen. Außerdem wollen wir die Patienten selbst stärker dazu motivieren, Daten zu liefern und das Ergebnis ihrer Behandlung zu bewerten. Und schließlich wollen wir noch mehr Onkologen dazu bewegen, bei QOPI mitzumachen, so dass das Streben nach Qualität und nach Qualitätsverbesserung ein ganz selbstverständlicher Bestandteil des Alltags in einer onkologischen Praxis wird.

Herr Professor Blayney, vielen Dank für das interessante Interview. Wir freuen uns sehr auf Ihren Besuch beim kommenden Deutschen Krebskongress.

Pressestelle der Deutschen Krebsgesellschaft e.V., Katrin Mugele


Krebszeitung

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