PSA-gestützte Früherkennung des Prostatakarzinoms

Prof. Dr. med. Michael Stöckle - Quelle: Wahlers PR

Prof. Dr. med. Michael Stöckle – Quelle: Wahlers PR

Nach Veröffentlichung der ersten Ergebnisse der europäischen Prostata-Karzinom-Screening-Studie im Frühjahr des 2009 hatten zahlreiche Presseorgane auf vermeindliche Schwächen des PSA-Screenings hingewiesen:Mann müsse mehr als 1400 Männer testen, von denen sich dann 50 einer schwerwiegenden Therapie unterziehen müssten, um damitschlussendlich einem von 1400 den Tod am Prostatakarzinom zu ersparen. Die Zahlenkönnten nicht abschreckender sein. Man hat allerdings versäumt, den Leser auf den vorläufigen Charakter der Studienauswertung hinzuweisen, denn mit zunehmender Nachbeobachtungszeit der Studienteilnehmer werden die Unterschiede im tumorspezifischen Überleben zwischen den beiden Vergleichsgruppen (eine mit und eine ohne die Empfehlung eines PSA-gestützten Prostatascreenings) mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich größer werden.

Neue Daten zu einer Dauerkontroverse

So hat Prof. Schröder, Leiter der europäischen Screeningstudie,, schon beim DGU-Kongress 2009 darauf hingewiesen, dass bereits bei der zitierten Erstauswertung der Studie, wo der Unterschied im tumorspezifischen Überleben bei 20% gelegen hatte, in der Metastasenhäufigkeit ein Unterschied um 40% nachweisbar war.

Wir wissen, dass das Auftreten von Metastasen eines Prostatakarzinoms dem Tod am Tumor um etwa 2 – 3 Jahre vorausgeht. Dementsprechend hat Prof. Schröder auch bereits die Voraussage gewagt, dass die nächste Auswertung der Studie auch einen Unterschied im tumorspezifischen Überleben von etwa 40% zeigen wird. Wenn man dann ausrechnen wird, wie viele Männer man untersuchen muss, um einem davon den Tod am Tumor zu ersparen, werden völlig andere Zahlen als 1.400 oder 50 Operationen herauskommen, womit gezeigt ist, dass solche Zahlen, wenn man sie aus einer vorläufigen Auswertung ableitet, nicht geeignet sind, einem medizinischen Laien einen sinnvollen Eindruck vom Schaden-Nutzen-Verhältnis einer Screeningmaßnahme zu vermitteln.

Aber selbst diese 40% sind immernoch nicht die ganze Wahrheit, denn im Design der Screening-Studien finden sich zahlreiche Faktoren, die den Nutzen des Screenings (selbstverständlich vorausgesetzt, es gibt diesen Nutzen) kleiner erscheinen lässt als er in Wirklichkeit ist.

Im Juni 2010 ist nun im Lancet eine weitere Screeningstudie publiziert worden, die sich von den europäischen Screeningdaten im Wesentlichen dadurch unterscheidet, dass zum Zeitpunkt der Auswertung eine Nachbeobachtungszeit von mehr als 14 Jahren überblickbar war. Die Nachbeobachtungszeit der im Screeningarm entdeckten Tumoren lag im Mittel aber erst bei 6,7 Jahren.

Erstaunlicherweise (für die Zeitdauer der Tumornachbeobachtung) zeigte sich bei dieser Studie eine Reduktion der Prostatakarzinombedingten Todesfälle um etwa 50%. Noch eindrucksvoller wurden die Unterschiede, wenn man nur Männer analysiert hat, die beim ersten PSA-Test noch jünger als 60 Jahre waren (oberhalb des 60.Lebensjahres steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich der entdeckte Tumor schon bei Erstdiagnose in enem unheilbaren Stadium befindet):
Von diesen bei Erstuntersuchung jüngeren Männern sind in der Zwischenzeit nur 8 am Prostatakarzinom gestorben, verglichen mit 43 vergleichbaren aus der Kontrollgruppe. Diese Zahlen machen Hoffnung, dass man mit einem zeitgerechten PSA-Screening die Zahl der prostatakarzinombedingten Todesfälle sogar um deutlich mehr als 50% reduzieren kann.

Das Problem von Überdiagnostik und Überbehandlung ist auch durch solche Zahlen natürlich nicht gelöst: Nicht jedes Prostatakarzinom, welches man durch ein Screeningprogramm entdeckt, würde unbehandelt tatsächlich zum Tod des Tumorträgers führen. Die neuen Zahlen lassen aber sicherlich zweifeln, dass der völlige Verzicht auf den PSA-Test die richtige Reaktion auf das Problem von Überdiagnostik und Übertherapie sein kann. Angemessener ist möglicherweise die sogenannte „active surveillance“, also eine aktive Überwachungsstrategie, bei der insignifikante oder noch insignifikante Tumoren als solche identifiziert und nicht sofort einer kurativen Therapie zugeführt werden. Solche Tumoren würden bei diesem Konzept also nur beobachtet und erst dann therapiert, wenn man sich vergewissert hat, dass sie sich eben doch aggressiver verhalten.

Das Video zum Vortrag:

Referat von Prof. Dr. med. Michael Stöckle


Krebszeitung

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