Offener Brief des Bundesverbandes der Asbestose Selbsthilfegruppen an die Deutsche Krebsgesellschaft

Alle 16 deutschen Landeskrebsgesellschaften und u.a. auch internationale Krebsorganisationen fordern mehr Unterstützung und Erleichterungen in Berufskrankheitenverfahren für die deutschen Asbestopfer. Nur die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) sieht sich trotz dieser positiven Voten bisher nicht in der Lage, die Ziele der Asbestose Selbsthilfegruppen zu unterstützen.

Warum? Eine Erklärung hat die Asbestopferorganisation trotz eines Schreibens bis heute nicht erhalten. Was steht dahinter?

Auf dem deutschen Krebskongress im Februar des Jahres in Berlin wurde auf Imitative der norddeutschen Landeskrebsgesellschaften Hamburg-Schleswig-Holstein – Bremen im Verbund mit der UICC (Union of International Cancer Control) eine Berliner Erklärung zu Gesundheitsrisiken durch Asbest und Lage der asbestbedingt Erkrankten verabschiedet (Anlage). Neben den internationalen Forderungen u.a. nach einem absoluten Asbestverbot, die unstrittig sind, geht es darum, die Betroffenen in Deutschland bei der Realisierung ihrer Rechte gegenüber den Berufsgenossenschaften und bei der Anerkennung ihrer asbestbedingen Berufserkrankungen zu unterstützen: So geht es u.a. um Beweislastumkehr bzw. Beweiserleichterungen in Berufskrankheitenverfahren, um Aufarbeitung und Wiedergutmachung für Fälle, über die aufgrund veralteter wissenschaftlicher Standards ablehnend entschieden und konsequente Umsetzung der wissenschaftlichen Standards in der Diagnostik und Begutachtung.

Der Bundesverband der Asbestose Selbsthilfegruppen bittet nunmehr mit einem Offenen Brief um die Unterstützung der Deutschen Krebsgesellschaft und um die Unterzeichnung der Berliner Erklärung.

Für Nachfragen:
Dr. Evelyn Glensk
Mitglied des Vorstands des Bundesverbandes der Asbestose Selbsthilfegruppen (Öffentlichkeitsarbeit und Internationales)
Tel.. 04173 505220
mobil.: 0151 20685902
glensk-bundesverband@asbesterkrankungen.de

 


an den Präsidenten der Deutschen Krebsgesellschaft e. V.
An den Vorstand der Deutschen Krebsgesellschaft e.V.
Herrn Präsidenten Prof. Dr. Wolff Schmiegel
Kuno-Fischer-Straße 8
14057 Berlin

07.08.2014

Berliner Erklärung zu Gesundheitsrisiken durch Asbest und Lage der asbestdingt Erkrankten

Sehr geehrter Herr Prof. Schmiegel,

mit Erstaunen und großer Irritation hat der Bundesverband der Asbestose Selbsthilfegruppen erfahren, dass die Deutsche Krebsgesellschaft die o.g. Berliner Erklärung im Gegensatz zu den Landeskrebsgesellschaften1 nur im Einvernehmen mit den Berufsgenossenschaften unterstützen möchte.

Da ich auf mein diesbezügliches Schreiben vom 30.4.2014 keine Antwort von Ihnen bekommen habe, wendet sich jetzt der Bundesverstand des Bundesverbandes der Asbestose-Selbsthilfegruppen mit diesem Offenen Brief an die Öffentlichkeit.

Die Berufsgenossenschaften sind mit ihrem Dachverband, dem Verein „ Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV)“ gesetzliche Versicherungen. Wider unserem Erwarten macht die DKG ihre Haltung von der Meinung einer gesetzlichen Versicherung abhängig. Diese allein arbeitsgeberseitig finanzierten Unfallversicherungen sind wie auch die Krankenkassen im Interesse ihrer Beitragszahler zum wirtschaftlichen Handeln verpflichtet….und bei den Kosten für Asbestopfer geht es um sehr viele Millionen Euro.

Laut ihrem eigenen Selbstverständnis ist „Die DKG (…) eine gesundheitspolitische Institution, die ihren Einfluss zum Wohle des krebskranken Patienten in der Gremienarbeit mit Politikern, Fachgesellschaften, Leistungs- und Produktanbietern auf dem Gesundheitsmarkt sowie für Patienten geltend macht.“

Diesem Grundsatz ist sie nach unserer Auffassung mit der oben beschriebenen Haltung nicht gerecht geworden.

Es geht um Menschen, die meist mit harter körperlicher Arbeit, auf dem Bau, als Dachde-cker, als Klempner, Elektriker usw. den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien verdienen mussten. Es sind Menschen, die ahnungslos ihre Gesundheit verloren. Seit dem beginnenden 20 Jahrhundert sind die todbringenden Eigenschaften von Asbestfasern belegt, Anfang der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts waren Asbestose und asbestbedingter Lungenkrebs bereits anerkannte Berufskrankheiten. Als in den USA in den Sechzigerjahren die ersten großen Schadensersatzprozesse liefen, wurden Menschen in Deutschland noch weitgehend ungeschützt an ihren Arbeitsplätzen in den Asbeststaub geschickt. Die Asbestindustrie hat auch auf internationaler Ebene mit allen Mitteln versucht, ein Asbestverbot zu verhindern und die Politik ist im Verbund mit Wissenschaftlern, den Arbeitsschutz tragenden Institutionen den Forderungen über viele Jahre nachgekommen. Es gibt hier also eine direkte politische Verantwortung – eine Schuld – dass Tausenden von Asbestopfern unendliches Leid zugefügt wurde und sie um Lebensjahre betrogen wurden.

Daraus resultiert nach unserer Auffassung auch eine besondere gesellschaftspolitische Verantwortung. Gleichzeitig eröffnet sich die Frage, warum hier die Allgemeinheit der Versicherten die Krankheitskosten wegen der restriktiven Anerkennungspraxis der Berufsgenossenschaften schultern muss.

Zu den auf Deutschland bezogenen Kernforderungen der Berliner Erklärung: Es entspricht doch dem Rechtsempfinden, dass Menschen, die aufgrund sich inzwischen als falsch erwiesener Grundlagen keine Anerkennung als Berufskranke erhielten, nun Unterstützung bei der Wahrnehmung ihrer Rechte bekommen. Früher wurde die Arbeitskleidung zu Hause gewaschen; ahnungslos staubten die Hausfrauen die Kleidung aus. Für die daraus resultierenden asbestbedingten Erkrankungen der Familienmitglieder haftet die Berufsgenossenschaft bisher nicht. Hier gilt das Verursacherprinzip nicht.

Das darf nicht so bleiben.

Neben den internationalen und nationalen Institutionen die die Berliner Erklärung unterstützen fordert auch die EU, dass die Beweislast nicht den Opfern auferlegt werden soll.

Zu diesem Thema läuft auch eine Bremer Bundesratsinitiative.

Für Menschen, die asbestbedingt vor allem an Lungenkrebs oder an einem Mesotheliom erkrankt sind, ist es eine ungeheure Belastung in ihrer verbleibenden Lebenszeit in einen Streit für ihre Rechte und ggf. vor ein Sozialgericht zu gehen.

Wir bitten daher den Vorstand der Deutschen Krebsgesellschaft seine Entscheidung noch-mal zu überdenken und die Berliner Erklärung gemeinsam mit seinen 16 Landeskrebsgesellschaften zu unterstützen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Evelyn Glensk


zu Gesundheitsrisiken durch Asbest und Lage der asbestbedingt Erkrankten Seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist ein ursächlicher Zusammenhang zwischen ei-ner Asbestexposition und Lungenerkrankungen bekannt. Die Bedeutung von Asbest für die Entstehung von Pleuramesotheliomen und anderer Tumoridentitäten ist international seit den Sechzigerjahren belegt. Seither nehmen die Erkrankungsraten weltweit kontinuierlich zu. Wegen der langen Latenzzeiten wird deren Höhepunkt in vielen Ländern erst in den 2020-er Jahren erreicht sein.

  • • Asbest verursacht Krebserkrankungen in Lunge, Kehlkopf, Eierstock sowie Mesotheliome der Pleura und des Peritoneums.
  • • Alle Arten von Asbestfasern sind für Menschen krebserzeugend, steigern das Risiko jedoch in unterschiedlichem Ausmaß. Zusammen mit Rauchen erhöht die Asbestexposition das Lungenkrebsrisiko um ein Vielfaches. • Berufliche Expositionen bestehen bzw. bestanden v.a. im Asbest-Bergbau; auf dem Bau, bei der Herstellung bzw. Bearbeitung von Isolierungen für Heizungs- und Elektroleitungen, von Bedachungen, Bremsbelägen, Zement, Textilien und beim Schiffsbau.
  • • In vielen Ländern, in denen die Verarbeitung von Asbest eingestellt und untersagt wurde, bleibt die Exposition weiter ein Problem. Die frühere Verwendung beim Hausbau, in Industriebetrieben und öffentlichen Gebäuden führt dazu, dass insbesondere bei Sanierungen Berufsgruppen wie Klempner, Elektriker, Zimmerleute und verwandte Berufe bei ihrer Arbeit unwissend Asbestfasern freisetzen und weiterhin exponiert sein können. Es wird von 3.000 unterschiedlichen Verwendungszwecken ausgegangen.
  • • Asbest – Exposition kann auch dort erfolgen und erfolgt sein, wo Personen in der Nachbarschaft einer Asbest – Industrie oder im selben Haushalt mit As-best – Arbeitern leben/lebten (z.B. deren Kleidung waschen). Die allgemeine Bevölkerung kann auch durch verwitterndes asbesthaltiges Baumaterial oder bei Renovierungen im eigenen Haushalt exponiert werden.
  • • Zwischen 1994 und 2008 wurden in 83 Ländern 92.253 Todesfälle an Me-sotheliomen dokumentiert. Hinzu kommen die Asbest – bedingten Todesfälle an Lungenkrebs, die sehr wahrscheinlich bei weiteren 180.000 liegen.

Aus Fehlern lernen

Die Mehrheit der Industrienationen hat aufgehört, Asbest zu nutzen und über 50 Länder haben Gesetze, die dessen Verarbeitung untersagen. Um neue Märkte zu gewinnen hat die Asbestindustrie daraufhin ihre Aktivitäten unterstützt, durch Lobby-Organisationen in Länder mit niedrig-bis-mittelhohem Einkommen verlagert, so ins-besondere nach Asien. Trotz der unbestrittenen wissenschaftlichen Evidenz und Aufrufen, den Gebrauch von Asbest zu beenden, so von der World Health Organization, der World Federation of Public Health Associations, der International Commission on Occupational Health, der International Social Security Association, der International Trade Union Confederation und der Weltbank, steigt in Asien der Gebrauch. In diesen Ländern besteht ein ungenügendes Bewusstsein gegenüber, den Gesundheitsgefahren durch Asbest; hinzu kommen fehlende oder unzureichende Sicherheitsvorkehrungen. Wenn der Einsatz von Asbest in diesen Ländern so fortgeführt wird, wird dies in den kommenden Dekaden zu einer Vielzahl vermeidbarer Krebs- und Lungenerkrankungen und vorzeitigen Todesfällen führen. So ist eine Wiederholung der asbestbedingten Er-krankungen mit all den damit verbundenen wirtschaftlichen und humanitären Folge-kosten zu befürchten, die heute die Industrienationen erfahren, die in der Vergangenheit Asbest in großem Umfang einsetzten.

Die Position der UICC und Empfehlungen an die Regierungen:

Aufruf

  • für einen globalen Bann, die Herstellung und den Export von Asbest in allen seinen Varianten betreffend;
  • spezifisch an alle Asbest – exportierenden Länder, das Recht auf Gesundheit zu respektieren, den Abbau, Gebrauch und Export von Asbest einzustellen und die Bergbau – Kommunen bei der industriellen Umstellung zu unterstützen;
  • speziell an alle Asbest einsetzenden Länder, darauf zu verzichten;

Bei allen Ländern, die Asbest nutzten, darauf zu drängen, Bürger und Gesundheitssystem über die Risiken zu informieren, Sicherheitsmaßnahmen zu implementieren und die Gesundheit derer zu überwachen, die irgendwann in ihrem Leben Kontakt mit Asbest hatten. Um dies zu erleichtern, sind Asbestkataster zu erstellen, dies insbesondere in Schulen und Orten wo sich Kinder aufhalten.

Für alle Regierungen der Welt die bestmögliche Versorgung, Behandlung und palliativmedizinische Betreuung für alle Asbestkranken sicherzustellen. Außerdem sollte der Schaden der Betroffenen angemessen kompensiert und ihnen Zugang zu den relevanten Hilfsgruppen und Netzwerken vermittelt werden.

Für Deutschland gilt insbesondere: Nach berufsgenossenschaftlicher Schätzung können 190.000 der etwa zwei Millionen früher asbestgefährdeten Beschäftigten erkranken.

30.000 bis 40.000 Menschen starben bisher nach der offiziellen Statistik infolge ihrer Asbestexposition an anerkannten Berufskrankheiten. Doch nur wenige asbestbedingt Erkrankte werden als Berufskranke anerkannt – so z. B. derzeit nur jeder Fünfte aller als asbestbedingt angezeigten Lungenkrebsfälle. Noch weniger werden entschädigt. Daher kann real von einer mehr als doppelt so hohen asbestbedingten Sterberate ausgegangen werden. Medizinische Beweisanforderungen der Unfallversicherungsträger (wie die Asbestfaserzählung im Lungengewebe, die monopolartig veranlasst wird) für eine Anerkennung als Berufskranker sind wissenschaftlich widerlegt. Beweise über Asbestexpositionen am Arbeitsplatz sind oft nicht mehr zu erbringen, wenn Jahrzehnte später der asbestbedingte Tumor ausbricht. Viele Asbestopfer müssen in langwierigen zermürbenden Sozialgerichtsverfahren als Schwerstkranke den Tod vor Augen für ihre Rechte streiten.

Wir fordern von der Bundesregierung, die Betroffenen bei der Realisierung ihrer Rechte und bei der Anerkennung ihrer asbestbedingen Berufserkrankungen zu unterstützen:

  • Beweislastumkehr bzw. Beweiserleichterungen in Berufskrankheitenverfahren
  • Aufarbeitung und Wiedergutmachung der durch die Asbestkörperzählung aufgrund der Asbestkörper-Hypothese abgelehnten Fälle! Unterstützung der Betroffenen!
  • Anerkennung von berufsbedingten Asbesterkrankungen infolge von Haushaltskontakt-Expositionen!
  • einen höheren Stellenwert die Expositionserfassung und Arbeitsanamnese (Gebührensatz) in der Zusammenhangsbegutachtung!
  • Konsequente Umsetzung der S2k-Leitlinie „Diagnostik und Begutachtung asbestbe-dingter Berufskrankheiten“:

Gezeichnet:

Landeskrebsgesellschaften der Deutschen Krebsgesellschaft e.V.

i.A. Profs. Dres. U.R. Kleeberg Hamburg / E.H. Schmidt Bremen / F. Gieseler, Schleswig-Holstein (Initiatoren) und die Landeskrebsgesellschaften

Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersach-sen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen. Union of International Cancer Control (UICC) (i.A. Dr. J. Torode) Association of European Cancer Leagues i.a. Emma Woodford International Ban Asbestos Secretariat (IBAS) (i.A. L. Kazan Allen) Asbestos Disease Awareness Organization (ADAO) (R. Lemen Ph.D., M.S.P.H.) Bundesverband der Asbestose Selbsthilfegruppen (ASHG) (i.A. Dr. E. Glensk, Hamburg) Freie Hansestadt Bremen Landesgewerbearzt (Dr. Frank Hittmann) Bundesverband der Kehlkopfoperierten e.V. Unterstützt von: Europäische Föderation der Bau- und Holzarbeiter Industriegewerkschaft Metall Deutschland Industriegewerkschaft Bau

Pressemitteilung von Dr. Evelyn Glensk Vorstand des Bundesverbandes der Asbestose-Selbsthilfegruppen


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