Neue Impulse in der Palliativmedizin

Pressekonferenz über Palliativmedizin beim DKK 2012Pressekonferenz über Palliativmedizin beim DKK 2012
Pressekonferenz über Palliativmedizin beim DKK 2012

Pressekonferenz über Palliativmedizin beim DKK 2012

Ein Kernanliegen der Palliativmedizin ist die Linderung von Schmerzen sowie belastenden Symptomen wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Obstipation, Schwäche oder Atemnot bei Patienten mit einer fortschreitenden und unheilbaren Erkrankung. Durch eine effektive Symptomkontrolle und die Beachtung nicht nur körperlicher, sondern auch psychischer, sozialer und seelsorgerischer Bedürfnisse soll die Lebensqualität dieser Patienten verbessert werden, so dass die verbleibende Zeit des Lebens in größtmöglicher Autonomie und Würde erlebt werden kann. Um den komplexen Anforderungen der Behandlung und Begleitung von Palliativpatienten gerecht zu werden, erfolgt die Versorgung durch ein multiprofessionelles Team, das sich bedarfsorientiert aus Ärzten, Pflegekräften, Physiotherapeuten, Sozialarbeitern, Seelsorgern, Psychologen und Kunsttherapeuten zusammensetzt und durch Ehrenamtliche ergänzt wird. Wesentlich ist hierbei eine offene und einfühlsame Kommunikation mit Patienten und Angehörigen. Angehörige werden auch über den Tod des Patienten hinaus begleitet.

Ursprünglich wurde Palliativmedizin fast ausschließlich bei Patienten mit Krebserkrankungen angewendet. Inzwischen ist allgemein anerkannt, dass auch Patienten mit anderen unheilbaren fortgeschrittenen – etwa internistischen oder neurologischen – Erkrankungen von einer umfassenden palliativmedizinischen Betreuung profitieren.

War in den Anfängen Überzeugungsarbeit notwendig, um darzulegen, dass Palliativmedizin mit ihren spezifischen Aufgaben und Herausforderungen eine Berechtigung hat, so hat sich die Palliativmedizin mittlerweile als nicht mehr wegzudenkendes Fach etabliert. Anfangs wurden stationäre Strukturen in Form von Palliativstationen und Hospizen realisiert. Die nur sehr zögerliche Entwicklung einer strukturierten ambulanten Palliativversorgung gipfelte 2007 im Gesetz zur Umsetzung der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) deren Umsetzung bei weitem noch nicht abgeschlossen ist. Der Blick darf sich jedoch nicht ausschließlich auf die Spezialisierung richten. Eine Herausforderung für die nächsten Jahre ist es, Palliativmedizin auch in die allgemeine Versorgung zu integrieren, und dies sowohl ambulant als auch stationär in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen.

Viel Aufsehen erregt hat eine 2010 von Temel et al. im New England Journal sondern darüber hinaus das Leben dieser Patienten im Vergleich zu einer Gruppe, die keine Palliativversorgung erhielt, verlängert hat, obwohl weniger interventionelle Maßnahmen eingesetzt wurden. Hier zeigt sich, dass onkologische und palliativmedizinische Behandlung nicht konkurrierende, sondern sich ergänzende Therapieangebote sein können oder sogar müssen.

Die zum Teil durch Forschung bestätigten positiven Erfahrungen, die Patienten und Angehörige machen, die eine umfassende Palliativversorgung in einer schwierigen Zeit, nicht nur am Lebensende erhalten, machen ebenfalls deutlich, dass Palliativmedizin zukünftig jedem, der sie benötigt, auch zu einem frühen Zeitpunkt der unheilbaren Erkrankung zugänglich sein muss. Eine flächendeckende Palliativmedizin in allen Versorgungsstufen von allgemeiner bis hin zur Behandlung in spezialisierten Einrichtungen und Palliativzentren kann nur sinnvoll gestaltet werden, wenn hospizliche und palliative Versorgung als gesellschaftliche Aufgabe und Herausforderung erkannt wird. Dazu müssen Politik, die in der Gesundheitsversorgung Tätigen, Kostenträger und die Bürgerinnen und Bürger zukünftig gemeinsam beitragen.

Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin hat trotz immenser Bemühungen sowohl in Gesprächen mit den Kolleginnen und Kollegen der Deutschen Krebsgesellschaft, als auch in den Gesprächen mit der Politik (BMG), die den Nationalen Krebsplan mitinitiiert hat, es nicht erreichen können, dass Palliativmedizin als Handlungsfeld im Nationalen Krebsplan mit aufgenommen wird. Der Verweis auf das Handlungsfeld 2, das die Psychoonkologische Versorgung beinhaltet, streift nur in einem Nebensatz, in dem von Palliative Care Teams gesprochen wird, die Palliativversorgung, ohne jedoch näher darauf einzugehen. Auch wenn sich die psychoonkologische Betreuung und die Palliativmedizin sinnvollerweise ergänzen, so sind die Aufgabenbereiche nicht deckungsgleich. Aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin muss ein Nationaler Krebsplan auch für die Krebspatienten und Ihre Familien Angebote beinhalten, bei denen eine onkologische Krebstherapie keine wirksame Behandlung der Erkrankung (mehr) darstellt. Palliativmedizin ist vielerorts im Alltag einer hochspezialisierten onkologischen Regelversorgung angekommen und dort nicht mehr wegzudenken.

In Zukunft müssen die Behandlungskonzepte und -strukturen im Sinne einer interdisziplinären und multiprofessionellen Regelversorgung in enger Kooperation der onkologischen und palliativmedizinischen Expertise weiter etabliert werden. Dies umso mehr, als dass die Rahmenbedingungen der tumorspezifischen Behandlung von Krebspatienten durch die Entwicklungen der modernen Onkologie weiterhin erheblich im Wandel begriffen ist.

*Temel 3S, Greer JA, Muzikansky A, Gallagher ER, Admane S, Jackson VA, Dahlin CM, Blinderman CD, Jacobsen J, Pirl WF, Billings JA, Lynch TJ. Early palliative care for patients with metastatic non-small-cell lung cancer. N Engl J Med. 2010 Aug 19;363(8):733-42.

Prof. Dr. med. Friedemann Nauck
Direktor der Abteilung Palliativmedizin der Georg-August Universität in Göttingen, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin

Hier folgt noch ein Video dazu zum Vortrag:

Pressekonferenz über Palliativmedizin beim DKK 2012

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Ärztliche Kompetenz am Lebensende setzt nicht erst zum Lebensende ein, sondern in der Begleitung des Patienten, der erfahren muss, dass eine unheilbare, wahrscheinlich zum Tode führende Erkrankung vorliegt. Damit wird sie zur notwendigen Grundhaltung jedes onkologisch tätigen Arztes.

Woraus setzt sich diese Kompetenz zusammen?

Zunächst aus exzellentem Fachwissen, das nicht nur gewusst, sondern auch jederzeit richtig (in Bezug auf den Patienten und die Situation) angewendet wird. Dabei ist der Arzt jedoch gefordert, die Bedeutung der Erkrankung im ganzheitlichen Selbstverständnis des Patienten wahrzunehmen. Eine schwerwiegende, zum Tode führende Erkrankung hat fast immer auch psychische, geistige und soziale Aspekte, die häufig eng ineinander verwoben sind.

Die wesentliche ärztliche Kompetenz im Umgang mit einem Patienten der sich mit seinem Lebensende auseinandersetzt, oder auseinandersetzen muss, geht deshalb über das Fachwissen hinaus. Sie kann mit Begriffen wie Wahrhaftigkeit und Authentizität umschrieben werden. Nur eine ehrliche Kommunikation des Arztes, der für sich eine Haltung zum Sterben gefunden hat, kann Patienten eine tragfähige Begleitung anbieten.

Immer wieder erleben wir, dass Patienten bis zu den letzten Stunden nicht über den zu erwartenden tödlichen Verlauf aufgeklärt sind, oder das Ärzte zwar meinen, aufgeklärt zu haben, der Patient dies aber nicht verstanden hat.

Was läuft hier falsch?

Sicherlich suchen die meisten Patienten zunächst der unumstößlichen Wahrheit auszuweichen, um zu vermeiden, dass sie Gewissheit wird. Es gehört teilweise für den Arzt viel Mut und Ausdauer dazu um „Ehrlichkeit durchzuhalten“. Gern nimmt man die Frage nach einem neuen Medikament oder einer Studie, die vielleicht noch helfen können auf und lässt es dabei ungeklärt im Raum stehen, ob dieses Medikament nun die Heilung, oder doch nur eine Lebensverlängerung um wenige Tage mit sich bringen wird.

Dabei liegt es nicht nur an kommunikativer Unsicherheit der Ärzte, sondern auch am Zeitmangel und ständig wechselnden Ansprechpartnern für die Patienten Ausführliche Gespräche „stören“ im System.

Gespräche über das Sterben stören aber noch in einem anderen Bezug: Si( stören das Selbstbildnis des Arztes, wenn er sich darüber definiert, der Heilend( zu sein und Heilung mit absoluter Gesundheit gleichsetzt.

Hinzu kommt die Sorge, dass das Eingeständnis des tödlichen Verlaufes den Patienten die Hoffnung nimmt. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, das, Aufrichtigkeit keineswegs Hoffnung nimmt, sondern im Gegenteil Hoffnun( aufrecht erhält, nämlich die Hoffnung auf eine tragfähige Arzt Patientenbeziehung und damit eine möglichst gute Gestaltung des Lebensendes. Wenn wir Gesundheit nicht wie die WHO als dann gegeben ansehen, weni körperlich, seelisch, geistig und sozial alles auf höchstem Niveau „in Ordnung ist, sondern wenn der Patient mit unserer Hilfe eine Akzeptanz seiner Situatioi erreichen kann, dann kann das Ziel „Heil-Sein“ auch in einer hochpalliativei Situation erreicht werden.

Voraussetzung dafür sind der hohe Anspruch an optimale Therapie uni Symptomkontrolle, aber auch die realistische Einschätzung und ehrlich Kommunikation unsere Möglichkeiten und Grenzen.

Komplementäre Medizin kann, da es sich meist um Maßnahmen handelt, die de Patient in Eigenverantwortung durchführen kann, dazu beitragen, ihm eines Handlungsbereich zu geben, indem er sich eigenverantwortlich verhalten kann Dies kann gerade in der sich immer weiter einschränkenden Autonomie zur Lebensende hin eine Bereicherung sein. Dabei dürfen wir die Gefahr nicht übersehen, dass eine Überforderung entsteht, wenn Angehörige noch alle möglichen Versuche unternehmen möchten und den Patienten bedrängen.

Alternative Medizin im Kontext der palliativen Therapiesituation stellt dagege eine ausgesprochene Gefährdung für Patienten dar. Heilsversprechen sing insbesondere dann, wenn aus Sicht der Schulmedizin eine Heilung nicht meh möglich ist, für den Patienten attraktiv, führen häufig dazu, dass Patienten sich im Vertrauen auf falsche Versprechungen, sinnvollen und hilfreichen palliative Angeboten entziehen. Diese Form der Medizin ist als zutiefst unethisc abzulehnen.

Da die Angebote der komplementären und insbesondere alternativen Medizi breit und umfassend sind, ist es für den Arzt wichtig, diese zu kennen, um aL Fragen von Patienten und insbesondere Angehörigen substantiell antworten z können.

Ärztliche Kompetenz am Lebensende setzt umfassendes Fachwissen, desse Anwendung unter kritischem Hinterfragen des realistischen Behandlungsziele kommunikative Fähigkeiten, Empathie und eine Auseinandersetzung mit de eigenen ethischen Fundamenten und den Mut all dies umzusetzen voraus.

Dr. Jutta Hübner
Leiterin des Bereichs Palliativmedizin, supportive und komplementäre Onkologie am Universitären Centrum für Tumorerkrankungen (UCT) des Universitätsklinikums Frankfurt

Hier folgt noch ein Video dazu zum Vortrag:


Krebszeitung

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