Krebs- Überlebensrate in Deutschland nur im Mittelfeld

Berlin, 18.Juli 2008. Die Ergebnisse einer soeben im Fachjournal Lancet Oncology veröffentlichten Studie scheinen zu belegen, dass die Überlebensrate deutscher Krebspatienten international nur mittelmäßig ist. Es liegt nahe, hierfür auch die deutsche Gesundheitspolitik verantwortlich zu machen. Bevor jedoch solche oder andere Schlüsse gezogen werden, muss eine differenzierte Prüfung der Daten und ihrer Auswertung erfolgen. Prof. Dr. Werner Hohenberger, der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, warnt vor vereinfachenden und vorschnellen Interpretationen: „Statistiken sind Teil eines komplexen Ursachenzusammenhanges. Gerade bei Krebserkrankungen spielen viele Einflussgrößen eine Rolle, die sich nur bedingt in Form messbarer Daten abbilden lassen.“

Die Bedingtheit der Daten dürfe vor allem dann nicht übersehen werden, wenn es wie im Falle der Onkologie darum geht, eine Diskussion von enormer öffentlicher Tragweite zu führen. „Ohne Zweifel sind Auswertungen und Vergleiche vorhandener Daten wertvoll und aufschlussreich, doch darf dabei eine Beurteilung der Validität und Repräsentativität jener Daten nicht außer Acht gelassen werden“, so der Erlanger Klinikdirektor weiter. Verzerrungen können zum Beispiel schon aufgrund unterschiedlicher Erfassungsgrade der nationalen Krebsregister auftreten. Die Frage ist zu stellen, inwiefern die relevanten Fälle quantitativ und qualitativ angemessen registriert und somit vollständig abgedeckt werden. Auf nationaler Ebene sei die Antwort bereits nicht leicht zu geben, auf internationaler noch ungleich weniger. Hier bestehe noch viel zu viel Handlungsbedarf, um derart generalisierende Aussagen treffen zu können.

Im Falle der deutlich unterschiedlichen Zahlen in den 5-Jahres-Überlebensraten bei Prostatakrebs wiederum sind andere Zusammenhänge zu bedenken: Der Lancet-Studie zufolge liegen die Quoten in den USA bei 92%, in Deutschland bei 76%. Gegenwärtigen Erhebungen zufolge liegen beide Zahlen mittlerweile höher, doch die Differenz bleibt bestehen. „Nun wäre es aber verfrüht, hier eine bessere Behandlung als alleinige Ursache anzusetzen, auch wenn dieser Aspekt eine Rolle spielen mag. Ebenso ist jedoch der verbreitete Einsatz des PSA-Tests zur Früherkennung in den USA als Faktor in Betracht zu ziehen. Dadurch werden zum Teil Prostatakarzinome diagnostiziert, die vermutlich zu Lebzeiten des Betroffenen nie bekannt geworden wären. Statt von einer notwendigen Therapie kann man also in manchen Fällen durchaus eine Überdiagnose vermuten“, führt Hohenberger weiter aus. Für den Präsidenten wird allein anhand dieser Beispiele deutlich, dass „nationale Unterschiede nicht einseitig erklärt werden dürfen“.

Offensichtlich komme im Fall dieser Studie das Problem der Aktualität hinzu, das für den Präsidenten die Frage aufwirft, „welche aktuellen Entwicklungen – sowohl medizinisch in der Behandlung als auch politisch in der Schaffung der Rahmenbedingungen – von den Daten noch erfasst werden.“ Die zuverlässigste und aktuellste Datengrundlage für Vergleiche in den Krebs-Überlebensraten sei derzeit die EUROCare-4-Studie, die zwischen 1995 und 1999 diagnostizierte Krebspatienten berücksichtigt.

Diese zeigt eine andere Situation – so beträgt die 5-Jahresüberlebensrate in Deutschland für alle erfassten Krebsarten 52,3 %, während sie im europäischen Durchschnitt bei 49,4 % liegt. Im Hinblick auf die 5-Jahres-Überlebensraten einzelner Krebserkrankungen, z. B. Lungen-, Darm- oder Magenkrebs, schneidet Deutschland gut ab, beim Non-Hodgkin-Lymphom weist Deutschland – auch im Vergleich zu den USA – sogar das beste Ergebnis auf. Diese Zahlen haben sich mittlerweile weiter verbessert, wofür auch neu implementierte Früherkennungsmaßnahmen verantwortlich seien. Im Falle der schon seit längerem bekannten deutlich höheren Brustkrebs-Überlebensraten in Skandinavien und den USA ist das Problem der Aktualität noch deutlicher: „Um hier eine Verbesserung zu erzielen, wurde auch in Deutschland ein qualitätsgesichertes Mammografie-Screening eingeführt, allerdings erst im Zeitraum 2004-2008. Es ist offensichtlich, dass derartige Entwicklungen in der vorliegenden Studie keine Berücksichtigung finden“, so Hohenberger.

Zudem zeigen Daten aus flächendeckenden Erhebungsstudien in Deutschland, dass die onkologischen Behandlungsergebnisse keinerlei  internationalen Vergleich scheuen müssen. Dies wird insbesondere beim kolorektalen Karzinom in Sachsen-Anhalt sowie bei weiteren soliden Tumoren in mehreren deutschen Krebsregistern nachgewiesen.

Die Deutsche Krebsgesellschaft e. V. kommt angesichts dieser Erwägungen zu dem Schluss, dass eine Bewertung der Lancet-Studie nicht übereilt erfolgen darf. Prof. Hohenberger fasst zusammen: „Es ist Umsicht und Sachkenntnis erforderlich, um hier zu verlässlichen Aussagen zu kommen. Die Qualität der Studie muss unter diesem Aspekt eingehend geprüft werden. Dies ist vor allem im Hinblick auf eine mögliche und naheliegende politische Inanspruchnahme erforderlich.“

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Pressemitteilung: Stellungnahme der Deutschen Krebsgesellschaft e. V.


Krebszeitung

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