„Intervallkarzinome“ beim Mammografie-Screening:

Wie kann Ultraschall die Brustkrebsfrüherkennung verbessern?

Mammografie-Früherkennungsuntersuchungen finden im Deutschen Screening-Programm für GKVKassen- Patientinnen alle zwei Jahre statt. Leider lassen sich im Screening mit der Mammografie nie alle Tumore entdecken. Einige Karzinome sind einfach nicht sichtbar (okkult), andere sehen so harmlos aus, dass keine weitere Abklärung vorgenommen wird (minimale Zeichen), weitere werden aus technischen oder Untersuchergründen übersehen (falsch-negative). Insbesondere wachsen jedoch auch nach einer unauffälligen Mammografie-Screening-Untersuchung neue Brustkrebse heran (echte Intervallkarzinome).

Wenn ein Brustkrebs vor dem regulären nächsten Screening-Termin durch Zufall aufgrund eines Tastbefundes oder durch eine andere bildgebende Untersuchung wie der Sonografie diagnostiziert wird, spricht man von einem Intervallkarzinom. Nach den Europäischen Leitlinien soll die Häufigkeit dieser Intervallkarzinome im ersten Jahr nach einer unauffälligen Mammografie- Screening-Untersuchung weniger als 30 Prozent und im zweiten Jahr weniger als 50 Prozent aller in dem Zeitintervall neu diagnostizierten Brustkrebse betragen (sogenannte Hintergrundinzidenzrate). Diese Zielwerte liegen in anderen deutschen Modellprojekten oder europäischen Screening- Programmen etwa bei 30 Prozent beziehungsweise 60 Prozent.

Die Quote der Intervallkarzinome gilt als Maßstab für die radiologische Treffsicherheit des Screening-Programms und als früher Ersatz- Maßstab für die Effizienz eines Screening-Programms hinsichtlich der angestrebten Mortalitätssenkung. Problematisch ist, dass gerade aggressive Intervallkarzinome innerhalb kurzer Zeit eine ansehnliche Größe erreichen können und mit einer besonders schlechten Prognose einhergehen.

Heidinger und Kollegen (1) gingen für Nordrhein-Westfalen nach einem komplizierten Datenabgleich zwischen Screening-Programm und Krebsregister der Frage der Intervallkarzinome im Deutschen Mammografie-Screening-Programm nach. 878 764 Frauen hatten zwischen 2005 und 2008 in Nordrhein-Westfalen erstmals eine Screening-Mammografie erhalten. Bei etwa 2000 Frauen, also bei 0,23 Prozent der Teilnehmerinnen, die als „unauffällig“ eingestuft wurden, trat in den folgenden zwei Jahren ein Brustkrebs vor der nächsten regulären Mammografie auf. In der nordrhein-westfälischen Studie war der Anteil von Brustkrebsen mit einer Tumorgröße von T2 bis T4 (also über zwei Zentimetern Durchmesser) bei den Intervallkarzinomen höher als bei den im Screening gefundenen Karzinomen. Insgesamt waren 40 Prozent der fortgeschrittenen Brustkrebse im Stadium T2 bis T4 Intervallkarzinome, die bei Screening-Erstteilnehmerinnen innerhalb eines Betrachtungszeitraum von kürzer als zwei Jahren auftraten.

Mehrere Studien haben belegt, dass Intervallkarzinome häufiger bei einer hohen Brustgewebedichte in der Mammografie als bei niedriger Brustdichte auftreten. Die hohe mammografische Brustdichte ist darüberhinaus einer der wichtigsten Marker für erhöhtes Brustkrebsrisiko, während ein eigenständiger Einfluss der Brustdichte auf das Überleben bei Brustkrebs unabhängig von anderen Prognosefaktoren nicht besteht (2).

Bei Patienten mit erhöhtem Brustkrebsrisiko aufgrund erhöhter Brustdichte oder anderen Risikosituationen wie zum Beispiel ein früherer Brustkrebs in der Vorgeschichte ist die Leistungskraft der Sonografie im Vergleich zur Mammografie gut aufgearbeitet. Berg und Kollegen (3) untersuchten kürzlich über drei Screening-Runden, ob ein jährliches Ultraschall-Screening der Brust kleine Tumore finden könnte, die in der Mammografie übersehen wurden. 2662 Frauen erhielten 7473 Mammografie- und Sonografie-Screening-Untersuchungen.

Bei 110 Patientinnen wurden insgesamt 111 Brustkrebse gefunden: Elf Karzinome wurden durch kein Verfahren diagnostiziert und fielen als Intervallkarzinome auf. Von den restlichen 100 Brustkrebsen wurden 33 nur durch Mammografie, 32 nur durch Sonografie, 26 durch beide Verfahren, neun durch MR der Brust nach Mammografie und Ultraschall gefunden; um diese Lücke in der Brustkrebsfrüherkennung mit Mammografie zu schließen, hat das neu etablierte Österreichische Screening-Programm bei Patientinnen mit hoher Brustdichte in der Mammografie (Dichtegrad 3 und 4 nach der Einteilung der Amerikanischen Krebsgesellschaft) den Ultraschall obligat als Zusatzmethode in das Vorsorgeprogramm integriert.

Für Deutschland fehlen aktuell die finanziellen und personellen Ressourcen, hierin flächendeckend dem Österreichischen Programm zu folgen. Brustkrebsexperten sollten jedoch individuell wie in den USA ihre Patientinnen auf diese Problematik aufmerksam machen. Vielleicht hilft künftig auch das neue Röntgenverfahren der Tomosynthese, die methodische Lücke in der Brustkrebsfrüherkennung mit der Standard-Mammografie zu schließen. In jedem Fall müssen Zusatzverfahren zur Mammografie qualitätsgesichert und mit modernster Gerätetechnik durchgeführt werden, um den untersuchten Frauen unnötige Biopsien möglichst zu ersparen.

Literatur:

(1) Heidinger O, Batzler WU, Krieg V, Weigel S, Biesheuvel C, Heindel W, Hense HW: The incidence of interval cancers in the German mammography screening program—results from the population-based cancer registry in North Rhine–Westphalia. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(46): 781–7.

(2) Gierach GL, Ichikawa L, Kerlikowske K, Brinton LA, Farhat GN, Vacek PM, Weaver DL, Schairer C, Taplin SH, Sherman ME: Relationship between mammographic density and breast cancer death in the Breast Cancer Surveillance Consortium. J Natl Cancer Inst. 2012 Aug 22;104(16):1218- 27.

(3) Berg WA, Zhang Z, Lehrer D, Jong RA, Pisano ED, Barr RG, Böhm-Vélez M, Mahoney MC, Evans WP 3rd, Larsen LH, Morton MJ, Mendelson EB, Farria DM, Cormack JB, Marques HS, Adams A, Yeh NM, Gabrielli G; ACRIN 6666 Investigators: Detection of breast cancer with addition of annual screening ultrasound or a single screening MRI to mammography in women with elevated breast cancer risk. JAMA. 2012 Apr 4;307(13):1394-404.

Professor Dr. med. Alexander Mundinger, Chefarzt der Klinik für Radiologie, Marienhospital Osnabrück, Chefarzt der Sektion Bildgebende und minimal-invasive Mammadiagnostik des Brustzentrums am Franziskus-Hospital Harderberg, Direktor des Zentrums für Radiologie der Niels- Stensen-Kliniken, Osnabrück

Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM)
Donnerstag, den 21. März 2013, 11.30 bis 12.30 Uhr
Tagungszentrum im Haus der Bundespressekonferenz, Raum 1, Schiffbauerdamm 40, 10117 Berlin


Krebszeitung

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