Interdisziplinäre Zusammenarbeit – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer besseren Krebsbehandlung

In der Deutschen Krebsgesellschaft haben sich onkologisch tätige Fachdisziplinen zusammengeschlossen, um mit ihrer Arbeit Krebs zu bekämpfen – präventiv, diagnostisch und therapeutisch. Qualität in der Patientenversorgung ist für uns dabei ein zentrales Thema. Doch was bedeutet Qualität in der onkologischen Versorgung? Wie misst man sie und wie wird sie erreicht? Ein wichtiger Aspekt ist hier sicher die interdisziplinäre Kooperation verschiedener Fachrichtungen.

Tumorerkrankungen sind äußerst komplex. Nur wenn Experten für die medikamentöse Tumortherapie, Strahlentherapie und Chirurgie bzw. die operativen Fächer eng zusammenarbeiten, gelingt eine optimale Versorgung der Patienten. Dazu kommen Psychoonkologen, Sozialarbeiter, Palliativspezialisten und Pflegepersonal mit einer speziellen onkologischen Expertise. Sie alle treffen sich zum Beispiel in einer regelmäßig stattfindenden Tumorkonferenz, um den medizinischen Zustand und die Behandlungsmöglichkeiten eines Patienten zu prüfen und zu diskutieren. Diese Bündelung der Expertise hat zu einem dreistufigen Zentrenmodell geführt, für das sich die Deutsche Krebsgesellschaft und die Deutsche Krebshilfe seit Jahren einsetzen.

Basis dieses Systems sind die zertifizierten Zentren – Netzwerke aus stationären und ambulanten Einrichtungen. Während die Organkrebszentren auf ein Organ spezialisiert sind, vereinen die Onkologischen Zentren die Expertise für mehrere Tumorarten unter einem Dach. Mittlerweile ist die Zahl der Zentren mit einer Zertifizierung auf annähernd 870 angewachsen. Dazu kommen 12 von der Deutschen Krebshilfe geförderte Onkologische Spitzenzentren (CCC), die sich auch der Krebsforschung widmen. Sie alle verpflichten sich zur interdisziplinären Arbeitsweise und zur Qualitätssicherung auf der Basis evidenzbasierter Leitlinien nach einheitlichen Maßstäben.

Wie wichtig diese Art der Qualitätssicherung ist, zeigt das nachfolgende Beispiel: Die aktuellen S3- Leitlinien sehen für Patienten mit einem fortgeschrittenen Darmkrebs eine adjuvante Chemotherapie nach der operativen Entfernung des Tumors vor. Analysiert man die bundesweite Versorgungsqualität in dieser Indikation, dann zeigen sich deutliche Unterschiede: Eine adjuvante Chemotherapie erhalten knapp 74% der Patienten an zertifizierten Zentren, aber nur 61% der Behandelten, die 2009 in den vorhandenen klinischen Registern bundesweit erfasst wurden. Für die Betroffenen macht das immerhin einen deutlichen Unterschied in der Fünfjahres-Überlebensrate aus.

Manch anderes europäisches Land beneidet uns um dieses Versorgungsmodell. Doch längst haben nicht alle Patienten Zugang zu einem zertifizierten Zentrum. Wir werden darüber nachdenken müssen, wie Krebskranke auch dann optimal versorgt werden, wenn sie weit entfernt von einem zertifizierten Zentrum wohnen. Zudem bedeutet die Zertifizierung Aufwand für die Zentren. Bislang hat das System funktioniert, weil Zentren und Experten der grundsätzlichen Überzeugung sind, dass Qualität in der Krebsmedizin ein Teil ihres Versorgungsauftrags ist.

Wollen wir diese Qualität halten oder noch weiter verbessern, dann braucht es Anreize, indem der Mehraufwand den Zentren auch erstattet wird. Zwar können Zentren auf der Basis des Krankenhausentgeltgesetzes eine Zusatzfinanzierung beantragen. Derzeit lässt das Gesetz allerdings viel Spielraum für die Definition eines Zentrums und seine besonderen Aufgaben; der Qualitätsgedanke spielt dort momentan noch keine angemessene Rolle. Dabei wird der Ruf nach Veränderung lauter: Krankenkassen wie die AOK plädieren zum Beispiel für eine grundlegende Strukturreform in der gesetzlichen Krankenversicherung, so dass sich Qualitätsergebnisse auch in der Honorierung abbilden lassen ‒ sie fordern, dass es künftig möglich sein soll, schlechte Qualität nicht zu vergüten. Auch die Vergabe von Krankenhausinvestitionsmitteln könnte stärker an der Qualität der medizinischen Leistungen sowie am tatsächlichen Bedarf innerhalb einer Versorgungsregion ausgerichtet sein. Tatsächlich nutzen Krankenhausplaner in einzelnen Bundesländern wie Hessen Qualitätskriterien, vergleichbar zu denen der Deutschen Krebsgesellschaft, um auf ausgewiesene onkologische Einrichtungen und koordinierende Zentren, die als Netzknoten fungieren, zu fokussieren.

Über intelligente Ansätze zur Verstetigung der Interdisziplinarität und des Qualitätsgedankens in der Onkologie werden wir bei diesem Krebskongress in verschiedenen Sitzungen diskutieren.

Statement von Prof. Wolff Schmiegel, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft e.V.


Krebszeitung

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