Grossstudien für den Kampf gegen Prostatakrebs

Referenten der Pressekonferenz beim Deutschen Krebskongress 2014

PSA-Test und Therapien auf dem Prüfstand

Referenten der Pressekonferenz beim Deutschen Krebskongress 2014Berlin, 22. Februar 2014 (gb) – Etwa 70.000 Männer in Deutschland werden im Jahr 2014 die Diagnose Prostatakrebs erhalten – rund 2.400 mehr als noch 2013. „Innovative und wissenschaftlich gesicherte Früherkennungsmethoden und Therapien sind unabdingbar, um dieser Entwicklung zu begegnen“, sagte Gerd Nettekoven, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krebshilfe, anlässlich einer Pressekonferenz heute am Samstag, den 22. Februar 2014, auf dem Deutschen Krebskongress 2014. Die gemeinnützige Organisation finanziert derzeit gleich zwei urologische Großprojekte: Im Rahmen der PREFERE-Studie soll die Frage nach der individuell besten Therapie beantwortet werden. Die PROBASE-Studie untersucht den Stellenwert des PSA-Screenings bei der Prostatakrebsfrüherkennung. „Mit diesen Studien widmen wir uns den am meisten diskutierten Themen der urologischen Onkologie“, so Nettekoven weiter.

Derzeit müssen sich Betroffene, bei denen Prostatakrebs im frühen Stadium diagnostiziert wurde, noch zwischen den vier gängigen Behandlungsoptionen entscheiden: das operative Entfernen der Prostata, eine Strahlenbehandlung, die sogenannte Brachytherapie – hier werden winzig kleine Kapseln dauerhaft in die Prostata implantiert und bestrahlen den Tumor von innen – und die Aktive Überwachung.

„Wir werden im Rahmen der PREFERE-Studie erstmals diese Therapiestrategien miteinander vergleichen und untersuchen, ob die Methoden vergleichbar gut sind oder eine Therapie der anderen überlegen ist“, erklärt Professor Dr. Michael Stöckle, Direktor der Klinik für Urologie und Kinderurologie des Universitätsklinikums des Saarlandes, Homburg. Der Mediziner leitet die Studie zusammen mit Professor Dr. Thomas Wiegel, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie des Universitätsklinikums Ulm. „Unser Ziel ist es, in Zukunft wirkliche Entscheidungssicherheit für die betroffenen Patienten und ihre behandelnden Ärzte für die optimale individuelle Therapie zu schaffen“, so Stöckle weiter.

Ein erstes Ergebnis können die Studienleiter schon vorweisen: „Wenn sich der Patient für die Teilnahme entscheidet, wird seine Gewebeprobe durch einen besonders erfahrenen Pathologen nochmals beurteilt, um die exakte Diagnose zu sichern. Bei jedem fünften Patienten fanden wir Abweichungen gegenüber dem Erstbefund“, erläutert Wiegel. „Diese Unterschiede können sich durchaus auf die Therapieplanung auswirken, da dieser Befund über die Möglichkeit einer aktiven Überwachung beziehungsweise die Form einer aktiven Therapie entscheidet.“

„Ziel der jetzt gestarteten PROBASE-Studie ist eine Optimierung des Prostatakrebs-Screenings mithilfe eines sogenannten Basis- PSA-Werts“, erläutert der Studienleiter Professor Dr. Peter Albers, Direktor der Urologischen Klinik des Universitätsklinikums Düsseldorf. „Wir untersuchen, ob in Abhängigkeit von der Höhe eines einmalig bestimmten PSA-Werts ein risikoadaptiertes Vorgehen bei der Prostatakrebs-Vorsorge möglich ist.“

Die Wissenschaftler wollen erstmalig das optimale Alter für die Bestimmung eines ersten Basis- PSAWertes und die genauen Intervalle weiterer Untersuchungen feststellen. Zukünftig soll ein spezielles, risikoadaptiertes PSA-Screening Männer, die ein hohes Risiko haben, in späteren Lebensjahren an Prostatakrebs zu erkranken, herausfiltern. Die Betroffenen können dann engmaschig überwacht werden.

Beide Projekte erfordern aufgrund ihrer langen Laufzeit einen gesicherten finanziellen Rückhalt über viele Jahre. Die PREFERE-Studie wird mit insgesamt fast 25 Millionen Euro finanziert – knapp 13,5 Millionen Euro werden von der gemeinnützigen Organisation übernommen und mit rund 11,5 Millionen Euro beteiligen sich die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen an der Studienfinanzierung. Für die PROBASE-Studie stellt die Deutsche Krebshilfe 4,7 Millionen Euro bereit.

„Mit diesen beiden Großprojekten reagieren wir auf die alarmierenden Neuerkrankungszahlen bei Prostatakrebs“, betont Nettekoven. „Langfristig sollen viele Menschen von dieser Investition profitieren – das ist unser Ziel.“

Weitere Informationen erhalten Interessierte unter www.probase.de, www.prefere.de und www.krebshilfe.de.

Pressekontakt Deutsche Krebsgesellschaft und Pressekontakt Deutsche Krebshilfe

Renate Babnik
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Dr. med. Svenja Ludwig, M.A.
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Dr. Katrin Mugele
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Christiana Tschoepe
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Ein Video der Pressekonferenz können Sie hier ansehen:

Die PREFERE-Studie: Eine große Chance für Patienten und die urologisch-radio-onkologische Forschung

Im Jahr 2013 wurde mit der PREFERE-Studie eine der weltweit größten klinischen Studien für das Prostatakarzinom, die zweithäufigste Krebserkrankung des Mannes, gestartet. Für das lokal begrenzte frühe Prostatakarzinom werden die vier durch aktuelle Leitlinien empfohlenen Behandlungsmethoden überprüft.

Es handelt sich um die operative Entfernung der Prostata, die Bestrahlung von außen, die Behandlung des Tumors mittels dauerhaft in der Prostata platzierter Strahlenquellen (Brachytherapie), und die aktive Überwachung. Obwohl es für alle vier Methoden viele Ergebnisse für die onkologische Wirksamkeit gibt, wurden sie bisher noch niemals in einer vergleichenden Studie mit hoher wissenschaftlicher Wertigkeit untersucht. Ziel der Studie ist es, in Zukunft wirkliche Entscheidungssicherheit für die betroffenen Patienten und ihre behandelnden Ärzte für die optimale individuelle Therapie zu schaffen.

Die Studie wird von einem großen Bündnis bestehend aus Deutscher Krebshilfe sowie den gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen industrieunabhängig finanziert und von der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU), der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO), dem Berufsverband Deutscher Urologen e.V. (BDU), der Deutschen Krebsgesellschaft und dem Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe unterstützt.

Kennzeichen so aufwendiger klinischer Studien ist die Einbeziehung von Studienzentren mit nachgewiesener hoher Behandlungsqualität sowie die Beratung durch unabhängige Ethikkommissionen und die vertragliche Vereinbarung verbindlicher Abläufe hinsichtlich Diagnostik, Therapie und Nachsorge der Patienten sowie individuelle Initiierungsbesuche zur Organisation vor Ort.

Diese Aufgaben prägten schwerpunktmäßig die Arbeit des ersten Studienjahres, in dem 40 Ethikkommissionen die Beratungen für über hundert Studienzentren durchführten um diese Zentren auf die aktive Teilnahme vorzubereiten.

Nachdem sich rund 75 Prozent der erforderlichen Krankenhäuser bundesweit erfolgreich dem aufwendigen Verfahren bis zum Studienstart unterzogen haben, konnten in durchschnittlich vier Monaten als Studienzentren über 80 Patienten in die Studie aufgenommen werden. Das ist für ein Projekt dieser Größenordnung zufriedenstellend. Im kommenden zweiten Studienjahr müssen die Fallzahlen deutlich ansteigen, damit das Projekt in dem geplanten Zeitrahmen die geplante Patientenzahl erreichen kann.

Die Patienten-Rekrutierung erfolgt nach exakten Vorgaben: Bei Verdacht auf Prostatakrebs wird die Diagnose durch den Urologen gestellt. Wenn der Patient die Auswahlkriterien erfüllt, informiert ihn der Arzt über die vier leitliniengerechten Therapiemöglichkeiten und die Studie. Voraussetzung für die Teilnahme an der Studie ist, dass der Prostatakrebs in einem frühen Stadium diagnostiziert und bisher noch nicht behandelt wurde. Ist der Patient teilnahmebereit, händigt ihm der Urologe das für diese Studie erstellte Aufklärungsvideo mit der Begleitbroschüre aus und überweist ihn an ein Studienzentrum.

Dort klärt ihn der zuständige Arzt ausführlich über die Studie und die vier möglichen Therapieoptionen auf. Wenn sich der Patient für die Teilnahme entscheidet, wird seine Gewebeprobe durch einen besonders erfahrenen Pathologen nochmals beurteilt, um die exakte Diagnose zu sichern. Die Erfahrungen bei den ersten 80 Patienten zeigen die besondere Bedeutung dieser „Referenzpathologie“. Es fanden sich bei mehr als 20 Prozent der Patienten Abweichungen gegenüber dem Erstbefund. Diese Unterschiede können durchaus über die Art der Primärtherapie entscheiden. Insbesondere die Unterscheidung zwischen Gleason 7a und 7b (oder gar höheren Graden) ist wichtig für die Therapieplanung, da dieser Befund über die Möglichkeit einer aktiven Überwachung bzw. die Form einer aktiven Therapie entscheidet.

Die ersten vorläufigen Ergebnisse unterstreichen – gemeinsam mit anderen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen -, dass die Strategie der aktiven Überwachung am besten in einer qualitätsgesicherten Studie erfolgen sollte. Hierfür bietet sich in idealer Weise die PREFERE-Studie an. Aufgrund der erwarteten Ergebnisse der PREFERE-Studie sollen zukünftigen Prostatakrebspatienten individuelle evidenzbasierte Behandlungsempfehlungen gegeben werden.

Informationen zu der PREFERE Studie finden Sie unter www.prefere.de

Statement: Prof. Dr. Thomas Wiegel, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie, Universitätsklinikum Ulm

PROBASE: Start der großen deutschen Studie zum Prostatakrebs-Screening

Die PROBASE-Studie, Nachfolgestudie der bereits publizierten großen europäischen PSA-Screening-Studie (ERSPC) und aktuell die weltweit größte Studie Ihrer Art, hat begonnen.1,2 Ziel der PROBASEStudie (Risk-adapted prostate cancer early detection study based on a “baseline” PSA value in youngmen – a prospective multicenter randomized trial), ist eine Optimierung des Prostatakrebs-Screenings mithilfe eines sogenannten “baseline” PSA-Werts im Alter von 45 bzw. 50 Jahren. Sie untersucht die Hypothese, ob in Abhängigkeit von der Höhe eines einmalig bestimmten PSA-Werts ein risikoadaptiertes Vorgehen bei der Prostatakrebs-Vorsorge möglich ist.3 Das Gesamtprojekt steht unter der Schirmherrschaft von Wolfgang Bosbach, MdB, und wird von der Deutschen Krebshilfe (DKH) gefördert.

Unter Leitung von Prof. Dr. Peter Albers von der Urologischen Universitätsklinik Düsseldorf und Prof. Dr. Nikolaus Becker aus der Abteilung für Krebsepidemiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg prüfen drei weitere deutsche Zentren (Prof. Dr. Jürgen E. Gschwend, TU München-Klinikum rechts der Isar; Prof. Dr. Markus Hohenfellner, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg; Prof. Dr. Markus Kuczyk, Medizinische Hochschule Hannover) diesen Ansatz zur Optimierung des PSAScreenings, der bisher noch in keiner Studie weltweit systematisch und prospektiv untersucht wurde.

Der Stellenwert des PSA-Screenings in regelmäßigen Abständen bei allen Männern ab einem bestimmten Alter wird international diskutiert. Zum einen lässt sich durch das PSA-Screening Prostatakrebs zwar früher erkennen und daher besser behandeln, was die Sterblichkeit reduziert. Doch zum anderen haben Prostatakarzinome zum Teil eine so günstige Prognose, dass eine Behandlung nicht immer erforderlich ist. Zudem sind bei der PSA-Messung falsch-positive Ergebnisse möglich. Aus diesem Grund kann das allgemeine PSA-Screening belastende weitere Untersuchungen und Behandlungen nach sich ziehen, die ohne Screening nicht erfolgt wären.

Um diese Überdiagnose und auch Übertherapie zu minimieren, verfolgt die PROBASE-Studie den Ansatz, das Screening vom Ausgangs-PSA-Wert im Alter von 45 Jahren und damit vom Erkrankungsrisiko des Mannes abhängig zu machen. Es wird untersucht, ob der erste PSA-Test im Alter von 45 ausreicht. Die Studie soll zeigen, dass Männer, die das risikoadaptierte PSA-Screening im Alter von 50 Jahren beginnen, bis zum Alter von 60 Jahren nicht häufiger ein metastasiertes Prostatakarzinom entwickeln, als Männer, bei denen eine vergleichbare Vorsorge im Alter von 45 Jahren anfängt. Außerdem soll untersucht werden, ob der verzögerte Beginn des Screenings die Rate an unnötigen diagnostischen und therapeutischen Interventionen zukünftig deutlich reduzieren kann.

In die Studie werden ab sofort an vier Studienzentren bundesweit (Universitätsklinikum Düsseldorf, Universitätsklinikum Heidelberg, Klinikum rechts der Isar der TU München, Medizinische Hochschule Hannover) über einen Zeitraum von fünf Jahren insgesamt 50.000 Männer eingeschlossen. Die gesunden 45-jährigen Teilnehmer werden über die Einwohnermeldeämter zur Studienteilnahme eingeladen.

Eine selbständige Teilnahme von gesunden Männern dieser Altersgruppe ist nicht möglich, weil es sich um eine epidemiologische Studie handelt, die sonst in der Auswahl der Teilnehmer verzerrt wäre. Ausschließlich aus logistischen Gründen werden die Gespräche mit den Teilnehmern und die Blutuntersuchungen an den genannten Universitätskliniken durchgeführt. Dort stehen bereits Räume wie z.B. auch Biobanken zur Verfügung. Dies erleichtert die Durchführung. Die Studiendurchführung geschieht komplett unabhängig vom klinischen Alltagsbetrieb, denn es handelt sich um die Untersuchung Gesunder.

Für die Studie werden die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip im Verhältnis 1:1 zwei Gruppen zugeordnet: Gruppe A erhält den ersten PSA-Test im Alter von 45 Jahren, Gruppe B hingegen erst im Alter von 50 Jahren. Das sich anschließende risikoadaptierte PSA-Screening ist in beiden Gruppen identisch: Bei Männern mit einem Ausgangs-PSA-Wert < 1,5 ng/ml werden weitere PSA-Tests nur im Abstand von fünf Jahren vorgenommen. Bei Männern mit einem Ausgangs-PSA-Wert von 1,5-2,99

ng/ml, die ein höheres Erkrankungsrisiko haben, erfolgen die weiteren PSA-Messungen im Abstand von zwei Jahren. Sobald der PSA-Wert über 3 ng/ml liegt – zu Beginn oder in den Nachfolgetests – schließen sich weiterführende Untersuchungen an. Über 90% der Männer werden zur niedrigsten Risikogruppe gehören (d. h. vier PSA-Tests bis zum 60. Lebensjahr wären ausreichend, um die Entstehung eines Prostatakrebses im Alter von > 60 Jahren auszuschließen).

Die Studie endet für die Teilnehmer im Alter von 60 Jahren. Der primäre Endpunkt ist die Häufigkeit eines bestätigten metastasierten Prostatakarzinoms im Alter von 60 Jahren, die nach der Hypothese der Forscher in Gruppe B (Beginn 50 Jahre) nicht höher sein sollte als in Gruppe A (Beginn 45 Jahre).

Würde sich dieses Ergebnis bestätigen, könnte die Prostatakarzinom-Vorsorge künftig zehn Jahre später beginnen, da derzeit in der Deutschen S3-Leitlinien zum Prostatakarzinom empfohlen wird, Männer im Alter ab 40 Jahren mit einer Lebenserwartung von mehr als zehn Jahren über die Vor- und Nachteile des PSA-Screenings aufzuklären.5 Zudem wäre ein risikoadaptiertes Screening Standard und würde für über 90% der Männer einen Großteil unnötiger Diagnostik und Therapie verhindern.

Dadurch könnten einerseits die Ängste und Belastungen der Männer verringert und andererseits die Kosten für das Gesundheitssystem reduziert werden. Darüber hinaus erlaubt die PROBASE-Studie den Aufbau einer großen deutschen Biobank, mit der sich künftig zahlreiche weitere Fragen zum Prostatakarzinom erforschen lassen.

Weitere Informationen finden sich unter: www.probase.de

Statement: Prof. Dr. Peter Albers, Direktor der Urologischen Klinik, Universitätsklinikum Düsseldorf

Quellen

1 Schröder FH et al. Screening and prostate-cancer mortality in a randomized European study. N Engl J Med. 2009;360:1320-8

2 Schröder FH, et al. Prostate-cancer mortality at 11 years of follow-up. N Engl J Med. 2012;366(11):981-90

3 Vickers AJ et al. Strategy for detection of prostate cancer based on relation between prostate specific antigen at age 40-55 and long term risk of metastasis: case-control study. British Medical Journal, 2013 Apr 15;346:f2023

4 Hugosson J, et al. Mortality results from the Göteborg randomised population-based prostate-cancer screening trial. Lancet
Oncol. 2010;11:725-32

5 Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms.
AWMF-Register-Nummer (043-022OL). Version 2.0 – 1. Aktualisierung 2011, Stand 30.9.2012:
http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/043-022OL.html

PROBASE: Ein wichtiger Schritt

Prostatakrebs ist gegenwärtig mit etwa 65.000 – 70.000 Neuerkrankungsfällen im Jahr die bei weitem häufigste Krebskrankheit bei Männern in Deutschland. Bei einer Entdeckung aufgrund von Symptomen ist die Krankheit häufig schon so weit fortgeschritten, dass das Risiko hoch ist, auch daran zu versterben. Bei einer frühzeitigen Entdeckung kann der Tumor dagegen gut behandelt und ein tödlicher Verlauf häufig verhindert werden.

Die Früherkennung von Prostatakrebs muss daher ein zentrales Anliegen der Krebsforschung sein.

Die Krebsforschung ist bei Prostatakrebs aber noch aus einem anderen Grund gefordert: mit dem PSA-Test wird gegenwärtig bereits Früherkennung von Prostatakrebs betrieben. Aus randomisierten

Studien wissen wir aber, dass viele der hierbei gefundenen Prostatatumoren nicht zu einer Erkrankung der betreffenden Personen geführt hätten, wenn sie nicht zur Früherkennung gegangen wären, geschweige denn zu ihrem Tod an Prostatakrebs. Man nennt dies „Überdiagnose“ und muss dies als einen ganz klar nachteiligen Effekt der gegenwärtig betriebenen Art von Früherkennung mit dem PSATest ansehen. Man muss davon ausgehen, dass ein deutlich zweistelliger Prozentsatz der auf diesem Weg der Früherkennung gefundenen Prostatakrebsfälle „Überdiagnose“ darstellt. Vor Einführung des Tests in den 1990er Jahren lagen die jährlichen Fallzahlen noch bei etwa 20.000 Fällen und haben sich seither mit etwa 30.000 Fällen im Jahr 1990, knapp 50.000 im Jahr 2000 und erwarteten 70.000 Fällen für das Jahr 2014 mehr als verdreifacht (Quelle: RKI).

Diese höchst problematische Situation darf jedoch nicht dazu führen, gewissermaßen „das Kind mit dem Bad auszuschütten“. Es gibt deutliche Hinweise aus neueren wissenschaftlichen Studien darauf, dass der PSA-Test bei richtiger Anwendung eine Bedeutung in der Prostatakrebsfrüherkennung haben könnte. Ein Fokus der Früherkennungsforschung muss daher darauf liegen, eine möglichst treffsichere Anwendung des Tests und evtl. noch hinzutretender Biomarker zu identifizieren, bei der möglichst viele der ohne Früherkennung tödlich verlaufenden Prostatatumoren gefunden werden und möglichst viele der Tumoren ohne Krankheitsrelevanz unentdeckt bleiben. Die jetzt beginnende „PROBASE-Studie“ ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Statement: Prof. Dr. Nikolaus Becker, Leiter des klinischen Krebsregisters des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT), Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg

Großstudien für den Kampf gegen Prostatakrebs

Als die PREFERE-Studie, über die wir Ihnen heute unter anderem berichten, vor etwas über einem Jahr offiziell startete, hatte ich bei der seinerzeitigen Pressekonferenz von 67.600 Prostatakrebsneuerkrankungen für das Jahr 2013 gesprochen. Ich teilte den anwesenden Journalisten mit, dass wir davon ausgehen, dass diese Zahlen weiter ansteigen werden – nicht zuletzt aufgrund der demographischen Entwicklung in Deutschland. Nun liegen uns die aktuellen Schätzungen des Robert Koch-Institutes für 2014 vor. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass dieses Jahr etwa 70.000 Männer in Deutschland die Diagnose Prostatakrebs erhalten werden – Tendenz weiter steigend. Das macht Prostatakrebs mit Abstand zur häufigsten Krebserkrankung des Mannes. Zum Vergleich: an zweiter Stelle steht Darmkrebs mit „nur“ rund 35.500 Diagnosen.

Die hohen Erkrankungszahlen verdeutlichen, dass es mehr denn je von großer Bedeutung ist, die wissenschaftlichen Anstrengungen auf dem Gebiet des Prostatakrebses weiter zu intensivieren. Ziel muss es sein, zum einen verbesserte Früherkennungsmethoden zu entwickeln und zum anderen den Betroffenen die bestmögliche Therapie bieten zu können. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, hatte die Deutsche Krebshilfe Prostatakrebs in den Jahren 2012 und 2013 zu einem ihrer Themenschwerpunkte gemacht und zwei wichtige Großprojekte auf den Weg gebracht.

Herr Prof. Stöckle und Herr Prof. Wiegel haben bereits die Deutsche Prostatakrebsstudie PREFERE vorgestellt, eine klinische Studie, die gemeinsam von der Deutschen Krebshilfe und den gesetzlichen sowie privaten Krankenversicherungen mit erheblichen Mitteln finanziert wird. Ziel der Studie ist es, die gängigen Behandlungsstrategien bei Prostatakrebs im frühen Stadium miteinander zu vergleichen. Herausgefunden werden soll, ob die Methoden vergleichbar gut sind oder eine Therapie der anderen überlegen ist. Auf diese Weise soll die Frage nach der individuell besten Therapie eindeutig beantwortet werden.

Wie wir gehört haben, ist die Studie im letzten Jahr erfolgreich angelaufen. Es konnte ein nahezu flächendeckendes Netz von Prüfzentren aufgebaut werden. Zahlreiche Urologen in ganz Deutschland haben sich für die Teilnahme an der PREFERE-Studie entschieden. Die ersten Patienten sind in die Studie eingeschlossen und randomisiert worden.

Auch die PROBASE-Studie, über die Herr Prof. Albers berichtet hat, befasst sich mit dem Prostatakarzinom, und zwar mit der Prostatakrebsfrüherkennung. Es geht um die Bedeutung einer Basis-PSABestimmung bei jungen Männern. Ziel der Studie ist es, Männer, die ein hohes Risiko haben, in späteren Lebensjahren an Prostatakrebs zu erkranken, frühzeitig herauszufiltern, um diese dann engmaschig überwachen zu können. Die PROBASE-Studie ist ein Gemeinschaftsprojekt der Universitätskliniken Bonn, Düsseldorf, Hannover, Heidelberg und München. Sie ist die weltweit erste Studie, in der im Sinne einer risikoadaptierten Prostatakrebsfrüherkennung die Bedeutung einer Basis-PSABestimmung bei jungen Männern untersucht wird.

Auf beiden Forschungsfeldern hat es bislang noch keine Studien in diesem Ausmaß – mit notwendigen langen Laufzeiten – gegeben. Beide Projekte wurden über mehrere Jahre lang gewissenhaft vorbereitet. Nationale und internationale Expertengremien und Gutachter halfen dabei, die Studienkonzepte optimal auszuarbeiten, damit diese für die Patientenversorgung auch wichtige Ergebnisse generieren können.

Solche Großprojekte erfordern aufgrund ihrer langen Laufzeit einen gesicherten finanziellen Rückhalt über viele Jahre. Die PREFERE-Studie wird mit insgesamt fast 25 Millionen Euro finanziert – rund 13,5 Millionen Euro werden von der Deutschen Krebshilfe übernommen, mit rund 11,5 Millionen Euro beteiligen sich die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen an der Studienfinanzierung. Zudem unterstützen die Deutsche Gesellschaft für Urologie, der Berufsverband Deutscher Urologen, die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie, die Deutsche Krebsgesellschaft und der Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe das Projekt.

Die Studie findet im Übrigen auch die uneingeschränkte Unterstützung durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Für die PROBASE-Studie stellt die Deutsche Krebshilfe 4,7 Millionen Euro bereit.

Die Finanzierung der Studien durch die Deutsche Krebshilfe und die Krankenversicherungen sichert darüber hinaus unabhängige Studiendurchführungen, das heißt unabhängig von industriellen und kommerziellen Interessen.

Ich denke, das Ausmaß und die Bedeutung der beiden Studien vermittelt Ihnen einen Eindruck, wie wichtig der Deutschen Krebshilfe das Thema Prostatakrebs ist. Langfristig sollen viele Menschen von unserer Investition profitieren – das ist unser Ziel. Die Hoffnung vieler an Krebs erkrankter Menschen fußt auf einer guten und erfolgreichen Studiendurchführung sowie dem Einsatz der beteiligten Ärzte und Wissenschaftler. Die Deutsche Krebshilfe, die ihre gesamten Aktivitäten ausschließlich aus Spenden und freiwilligen Zuwendungen der Bevölkerung finanziert, hat sehr viel getan und investiert, um in der Bekämpfung des Prostatakrebses weiter voranzukommen.

Statement: Gerd Nettekoven, Deutsche Krebshilfe e. V., Bonn

PREFERE und PROBASE aus Patientensicht

Der BPS wird von 240 Selbsthilfegruppen getragen, er ist von der Pharma-Industrie unabhängig und sein Vorstand, zu dem ich gehöre, ist demokratisch legitimiert. Ich selbst bin ein Betroffener.

Wir unterstützen die PREFERE- und die PROBASE-Studie, um unseren Söhnen und Schwiegersöhnen zu ersparen, was wir erfuhren. Wir bedanken uns bei den Fachgesellschaften, den Kassen und ganz besonders bei der Deutschen Krebshilfe, dass sie dafür gesorgt haben, dass die Studien zustande gekommen sind.

Wir begleiten das Studienkonzept der PREFERE-Studie seit den ersten Diskussionen. Wir unterstützen die Studienleitung bei der Akquisition von niedergelassenen Urologen und Studienzentren. Wir empfehlen den Betroffenen, sich mit der Studie wegen einer Beteiligung auseinanderzusetzen. Wir bitten Sie, uns bei diesem Vorgehen zu unterstützen, damit die Entscheidungsgrundlagen in der Zukunft besser sind. Schon heute hat dieses Vorgehen zu Verbesserungen in der Versorgungslandschaft geführt, durch bessere Patienteninformationen und Referenzpathologen-Befunden von Biopsien.

Statement: Jens-Peter Zacharias, Vorstandsmitglied Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe (BPS) e. V., Berlin


Krebszeitung

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