Die Geschichte der orthotopen Neoblase

Kunstblase

ist gar nicht so einfach zu beschreiben. Erstmalig wurde wohl in einem Münchner Klinikum im Juli 1983 bei einem 44 -jährigen Mann, der an einer tuberkulösen Schrumpfblase litt, die Blase durch ein Reservoir aus Darmsegmenten ersetzt.

Im gleichem Jahr verwendete die Mainzer Klinik bei genau der gleichen Indikationsstellung ein Dünndarmsegment, welches längs aufgeschnitten und dann N-, S- oder W-förmig zu einer Darmplatte genäht wurde. Ein sogenanntes detubularisiertes Ileocoekalsegment.
Innerhalb von wenigen Jahren kam es zu einer Flut von Publikationen über verschiedene Modelle der orthotopen Neoblase. Wie ist eine solche, fast explosionsartige Entwicklung erklärbar?

Ganz offensichtlich war, nachdem die einzelnen Bausteine längst beschrieben worden waren, die Zeit dafür herangereift, dass der Schritt zu komplexen Harnableitungen gewagt werden konnte.

Eine orthotope Ersatzblase muss drei Bedingungen erfüllen.

Sie muss:

  1. Reservoir- und Entleerungseigenschaften haben,
  2. die Kontinenz garantieren und
  3. den Schutz des oberen Harntraktes gewährleisten

Niederdruck im Reservoir während der Speicherphase sowohl zum Schutz des oberen Harntraktes, als auch um den Verschlussdruck des Kontinenzmechanismus zu unterschreiten, war und ist das zentrale Thema der Ersatzblasentechnik. Dieses Problem wurde durch die Vorarbeiten von GOODWIN in den 50er und KOCK in den 70er Jahren durch die Detubularisierung der Darmsegmente und Umformung in kugelähnliche dreidimensionale Form (Sphäroide) gelöst. Die Herren DONCER, WALSH, LEADBETTER und GOODWIN entwickelten in den 50er bis in die 70er Jahre Verfahren, um Schließmuskel zu erhalten sowie neurogene Strukturen zur Erhaltung der erektilen Funktion. Es wurden Methoden vorgestellt, die eine antirefluxive (rücklaufgeschützte), nicht obstruktive Harnleiter-Implantation in Darmsegmente gewährleisteten.

Damit soll erreicht werden, dass die geordnete Kontraktion des röhrenförmigen Darmsegmentes aufgehoben, und dass pro Darmlänge ein maximales Füllungsvolumen erzielt wird.

Wie gesagt: diese Elemente mussten nur zusammengebaut werden. Heute, 19 Jahre später, werden in der Literatur nicht weniger als 40 verschiedene Ersatzblasentechniken beschrieben. Jede Ersatzblase hat ihre Vor- und Nachteile; nicht jede Ersatzblase ist für jeden Patienten geeignet.

Die Ausschaltung von Dünndarm führt zu unzureichender Gallensäure- und B12-Rückresorption. Ein Mangel an Gallensäure reduziert die Fettresorption im Darm, was zu Fettstuhl führt. Durch die verminderte Fettresorption werden außerdem die fettlöslichen Vitamine unzureichend resorbiert. Da das Vitamin B12 ausschließlich im Dünndarm resorbiert wird, kommt es bei Verwendung des letzten Dünndarmabschnitts langfristig zu einem B12-Mangel. Somit müssen dem Luxus des großen Reservoirs diese Nachteile entgegengehalten werden. Es galt also, eine Optimierungsstudie mit dem Ziel, größtmögliches Reservoirvolumen bei möglichst geringen Störungen des Stoffwechsels durchzuführen.

Dies hat STUDER für seine Ileumblase vorgenommen und fand akzeptable urodynamische Ergebnisse bei vernachlässigbaren Stoffwechselstörungen, wenn er aus 45 cm Ileum ein kugelförmiges Reservoir nach W-Faltung bildete. Nachdem STUDER zusätzliche 18 cm Dünndarm für einen Antirefluxschutz (Rücklaufschutz) bei der Harnleiter-Implantation benötigt, kann man folgern, dass unproblematisch 65 cm Dünndarm für die Bildung eines Reservoirs genutzt werden können.

Die Entwicklung einer so großen Vielfalt von Ersatzblasentechniken hat ihre praktische Bedeutung. Der Umgang mit sämtlichen Darmsegmenten sollte zum Repertoire urologischer Chirurgen gehören, immer wieder gibt es klinische Situationen, die durch eine spezifische, von der Routine abweichende Technik, gelöst werden müssen.

Kunstblase

Eine Kunstblase

Im Jahr 2002 wurde dann von Prof. Wassermann die Kunstblase erfunden. Es wurden Komponenten in den von der Ethik-Kommission genehmigten Tierversuchen erprobt, die sehr erfolgreich verlaufen sind. Im Jahr 2006 sollte für den ersten Patienten eine künstliche Harnblase zur Verfügung stehen. Eine Dame aus Aachen wagte den Versuch, kurz nach der OP verstarb dann diese. Um Prof. Wassermann ist es ruhig geworden. Seine Kunstblase, für die es 200.000 Euro an Fördergeldern vom Vater Staat gab, ist wohl in der Versenkung verschwunden.

Ein Beitrag von Rainer Günzel


Krebszeitung

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