Sport unterstützt Krebstherapie

Pressekonferenz des Deutschen Krebskongress 2012 - Sport unterstuetzt Krebstherapie

Wissenschaftlich untersucht: körperliche Aktivität regt Tumorabwehr an

Pressekonferenz des Deutschen Krebskongress 2012 - Sport unterstuetzt KrebstherapieBerlin, 19. Februar 2014 (ws) – Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln und der Uniklinik Köln im Centrum für Integrierte Onkologie CIO Köln/Bonn haben neue wichtige Hinweise zum Effekt von körperlich anstrengender Aktivität auf das Immunsystem von Krebspatienten gewonnen. Im Rahmen einer Studie bereiteten sie 15 Krebspatienten in der Nachsorge auf einen Halbmarathon vor und untersuchten vor und nach dem Lauf deren Immunstatus. Das Ergebnis: Intensive Ausdauerbelastung wirkt sich bei Krebspatienten positiv auf die körpereigene Tumorabwehr aus. Die Studienergebnisse wurden am 21. Februar 2014 erstmals im Rahmen des 31. Deutschen Krebskongresses der Deutschen Krebshilfe und der Deutschen Krebsgesellschaft vorgestellt.

Während der präventive Einfluss von körperlicher Aktivität auf die Krebsentstehung bei einigen Tumorerkrankungen unter Forschern vielfach akzeptiert ist, hielten sie die Kombination von Bewegung und Sport bei Krebs lange für risikoreich. Inzwischen zeigen Studien, dass Bewegung den Patienten nicht schadet, sondern hilft und sich positiv auf den Krankheitsverlauf auswirkt. Weitgehend ungeklärt ist jedoch die notwendige Höhe der Bewegungsdosis. „Aus wissenschaftlicher Sicht liegen uns noch zu wenig Kenntnisse zur optimalen Trainingssteuerung und -intensität vor“, erläutert Dr. Freerk T. Baumann vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln, einer der Studienleiter. „Daher sind Erkenntnisse sehr wichtig, die uns zeigen, wie das Immunsystem krebskranker Menschen auf körperliche Aktivität reagiert“. An der Studie nahmen insgesamt 30 Probanden im Alter zwischen 40 und 67 Jahren teil: 15 Patienten mit Brust-, Darm- oder Prostatakrebs, deren Therapie mindestens ein Jahr zurück lag, und 15 gesunde Kontrollpersonen.

Erste Erkenntnisse dazu liegen nun vor: „Das menschliche Immunsystem verfügt über Abwehrzellen, sogenannte Natürliche Killerzellen, die in der Lage sind, Tumorzellen zu erkennen und abzutöten“ berichtet Professor Dr. Wilhelm Bloch, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln.

„Unsere Studienergebnisse zeigen, dass Patienten mit einer guten Fitness mehr Natürliche Killerzellen haben, um die Krebsabwehr zu verstärken.“ Die Wissenschaftler vermuten daher, dass auch anstrengende Bewegungsformen unter Berücksichtigung des individuellen Hintergrundes – Krebsart, medizinische Therapie, allgemeiner Zustand – für Krebspatienten in der Nachsorge nicht schädlich sind und darüber hinaus einen gesundheitsfördernden Effekt haben können. „Unsere Untersuchungen deuten darauf hin, dass leistungsfähigere Krebspatienten besser gerüstet sind für den Kampf gegen das Wiederauftreten ihrer Erkrankung. Je ausdauer- und leistungsfähiger die Patienten sind, desto mehr Abwehrzellen bleiben im Blut und stehen somit dem Organismus für die Tumorzellabwehr zur Verfügung“, resümiert Bloch.

Gerd Nettekoven, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krebshilfe, betont: „In der Nutzung der körpereigenen Abwehrkräfte liegt offensichtlich sehr viel Potenzial im Kampf gegen Krebs. Insofern hat das Thema `Sport bei Krebs` mittlerweile eine erhebliche Bedeutung erlangt – auch deshalb, weil Sport und Bewegung wie ein Medikament ohne Nebenwirkungen wirken“.

Im Rahmen eines von ihr aufgelegten Förderschwerpunkt-Programms unterstützt die Deutsche Krebshilfe zurzeit mit rund 1,4 Millionen Euro verschiedene Studien, die dazu beitragen sollen, die Auswirkungen körperlicher Aktivität auf die Therapie verschiedener Krebsarten zu belegen. Der Fokus liegt hierbei auf der Begleitung der Patienten während der akuten Erkrankung. „Unser Ziel ist es, neue wissenschaftlich nachgewiesene Erkenntnisse zur Wirkung von Sport bei Krebs zu gewinnen. Außerdem möchten wir die Akzeptanz für gezielte sportliche Betätigung in der Behandlungsphase beim medizinischen Personal und den Betroffenen erhöhen“, so Nettekoven.

Bereits vor einigen Jahren hat die Deutsche Krebshilfe in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln den blauen Ratgeber „Bewegung und Sport bei Krebs“ herausgegeben. Dieser beschreibt allgemeinverständlich die Bedeutung von körperlichem Training bei einer Krebserkrankung und gibt viele praktische Tipps. Der Ratgeber kann kostenlos bestellt werden bei Deutsche Krebshilfe, Postfach 1467, 53004 Bonn, und im Internet unter www.krebshilfe.de

Pressekontakt Deutsche Krebsgesellschaft  und Pressekontakt Deutsche Krebshilfe

Renate Babnik
Tel: +49 (0)30 322 9329-25
presse@dkk2014.de

Dr. med. Svenja Ludwig, M.A.
Tel: +49 (0)228 72990-270
ludwig@krebshilfe.de

Dr. Katrin Mugele
Tel: +49 (0)30 322 9329-60
presse@krebsgesellschaft.de

Christiana Tschoepe
Tel: +49 (0)228 72990-273
tschoepe@krebshilfe.de

Ein Video über diese Pressekonferenz finden Sie hier :

Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Sport bei Krebs

Freerk BaumannDurch die Fortschritte in der medizinischen Therapie können nicht nur ein Großteil der betroffenen Menschen geheilt werden, sondern auch unheilbar Erkrankte immer länger leben. Die Nachfrage nach bewegungsorientierten Angeboten wurde stetig größer. Noch bis in die 1990er Jahre hinein herrschte der Verdacht vor, dass körperliche Aktivität dem Krebspatienten schaden könnte.

In den letzten zehn Jahren konnten jedoch einschneidende Erkenntnisse gewonnen werden, die die positive Wirkungsweise bei relevanten Kenngrößen nachgewiesen haben: Gezielte körperliche Aktivität ist in jeder Therapiephase machbar und zeigt positive Effekte. Unter anderem konnten wir zeigen, dass selbst unter aggressivster Chemotherapie ein Training von Vorteil ist.

Aktuelle Fragestellungen beschäftigen sich nun im nächsten Schritt mit der Überprüfung der optimalen Trainingssteuerung vor dem Hintergrund des individuellen Patientenzieles. Für das Fatiguesyndrom liegt beispielsweise inzwischen eine differenzierte Empfehlung vor, die sich nach der Ausprägung der Erschöpfung orientiert.

Zusätzlich zur Trainingssteuerung rückt aktuell auch die Grundlagenforschung mehr und mehr in den Fokus, um mögliche zelluläre oder molekulare Mechanismen durch körperliche Aktivität sichtbar zu machen und damit den Effekt erklären zu können. Denn möglicherweise hat körperliche Aktivität einen risikoreduzierenden Effekt auf das Wiederauftreten bei bestimmter Krebserkrankungen.

Hier beginnt aktuell die Suche nach immunologischen und hormonellen Wirkungsprinzipien. Dazu konnten wir unter anderem in einer Halbmarathon-Studie mit Krebspatienten immunstabilisierende Effekte feststellen, die für eine Krebsabwehr von Bedeutung ist.

Diese wie auch andere Studien zeigen, dass anstrengende körperliche Aktivitäten nicht schaden. Im Gegenteil: Diese haben durchaus einen gesundheitsfördernden Einfluss. Aber auch die positiven Effekte auf das Fatiguesyndrom oder den Muskelschwund können so erklärt werden.

Als drittes großes Aufgabengebiet stellt sich aktuell die Übertragung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Praxis und Therapie dar, denn zurzeit werden neue Erkenntnisse zu langsam in die Versorgungsstrukturen übertragen.

In der Bewegungstherapie existieren weiterhin keine Standards, und so sieht in diesem Zusammenhang die Versorgung von Krebspatienten sehr heterogen aus. Darüber hinaus müssen wir die bisherigen Bewegungsempfehlungen (nur moderates oder sanftes Training) vollständig überdenken. Wir vermuten, dass vor dem individuellen Hintergrund (Krebsart, medizinische Therapie, allgemeiner Zustand) des Patienten durchaus auch anstrengende körperliche Tätigkeiten möglich sind und einen gesundheitsfördernden Effekt haben können. Krebspatienten in der Nachsorge können damit in ihrer Freizeit beispielsweise auch an einem Halbmarathon teilnehmen, ohne befürchten zu müssen, ihr Immunsystem und damit die Krebsabwehr zu schwächen.

Statement von Dr. Freerk Baumann. Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin, Sporthochschule Köln

Ergebnisse des Halbmarathon-Projektes der Deutschen Sporthochschule Köln und der Universitätsklinik Köln aus immunologischer Sicht

Das menschliche Immunsystem verfügt über Abwehrzellen, die in der Lage sind, Tumorzellen zu erkennen und abzutöten. Bislang konnte schon gezeigt werden, dass Kraft- und Ausdauertraining die tumorzellzerstörende Wirkung dieser Zellen steigern können und damit für eine verbesserte Immunantwort gegen entartete Zellen sorgen. Unsere vorliegenden Untersuchungsergebnisse zeigen, dass durch eine intensive Ausdauerbelastung die Voraussetzungen für die Erkennung der Tumorzellen des unspezifischen Immunsystems verbessert werden.

Dabei scheinen Tumorpatienten in der Nachsorge auf den Belastungsreiz (Halbmarathon) stärker anzusprechen als gesunde Kontrollprobanden. Je ausdauerleistungsfähiger die Patienten sind, desto mehr Abwehrzellen bleiben im Blut verfügbar und stehen somit dem Organismus für die Tumorzellabwehr zur Verfügung. Im Hinblick auf die spezifische Immunabwehr gegen Tumorzellen lässt sich eine ähnliche Tendenz beobachten. Sowohl bei Patienten als auch bei Gesunden führt eine intensive Ausdauerbelastung zu einer Mobilisation von spezifischen T-Zellen. Die Mobilisation ist bei den Kontrollprobanden ausgeprägter als bei den Patienten.

Auch diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die spezifische Tumorabwehr bei Patienten durch den Belastungsreiz aktiviert wird. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass eine intensive Ausdauerbelastung bei Patienten und Gesunden positive Auswirkungen auf die spezifische und unspezifische körpereigene Tumorabwehr hat.

Die Konsequenz aus den Ergebnissen unseres Projektes ist, dass wir unsere Vorstellung über die optimalen Belastungsbereiche bei Krebspatienten in Bezug zum Immunsystem überdenken müssen und auch für die Zukunft neu definieren sollten.

Dies wird zur Herausforderung, da wir die ganzheitliche Belastbarkeit der Patienten mit den verschiedenen Tumorarten und -stadien berücksichtigen müssen. Weitere Daten deuten darauf hin, dass der leistungsfähigere Patient auch besser gerüstet ist für den Kampf gegen das Wiederauftreten der Erkrankung.

Denn Patienten mit einem guten Fitnesszustand haben mehr natürliche Killerzellen, um die Krebsabwehr zu verstärken.

Statement von Prof. Dr. Wilhelm Bloch, Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin, Sporthochschule Köln

Engagement und Förderaktivitäten der Deutschen Krebshilfe zum Thema – Sport bei Krebs

Silke Albrecht (Krebspatientin) im Gespräch mit Christiana Tschoepe (Deutsche Krebshilfe)In Deutschland erhalten jedes Jahr rund 500.000 Menschen die Mitteilung: „Sie haben Krebs“. Und die Tendenz ist steigend – nicht zuletzt, weil die Menschen immer älter werden und Krebs insbesondere eine Erkrankung des Alters ist. Doch die Krebsbekämpfung hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht.

Die Diagnose Krebs ist heute vielfach kein Todesurteil mehr: Die Hälfte der Patienten wird geheilt, und viele Betroffene leben trotz einer Krebserkrankung noch viele Jahre. Krebs wird zunehmend zu einer chronischen Erkrankung. Dabei kann sportliche Aktivität entscheidend helfen, das Wohlbefinden und auch die Heilungschancen zu verbessern. Sport tut gut! Das gilt auch für Krebskranke – wie meine Vorredner bereits immunologisch und epigenetisch nachweisen konnten.

Um der offensichtlichen Wichtigkeit von Sport und körperlicher Aktivität bei Krebspatienten Rechnung zu tragen, haben wir in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln bereits vor einigen Jahren die Broschüre „Bewegung und Sport bei Krebs“ herausgegeben. Diese Broschüre beschreibt allgemeinverständlich die Bedeutung von sportlichen Aktivitäten bei einer Krebserkrankung und gibt viele praktische Tipps. Sie finden diese Broschüre in Ihren Pressemappen.

Zudem haben wir im Jahr 2012 ein Förderschwerpunkt-Programm „Sport und Krebs“ aufgelegt. Denn wir halten es für wichtig, die Forschung auf diesem Gebiet weiter voranzutreiben. Im Rahmen dieses Förderprogramms unterstützen wir mit rund 1,4 Millionen Euro verschiedene Studien, die dazu beitragen sollen, die Auswirkungen körperlicher Aktivitäten auf die Krebstherapie wissenschaftlich zu belegen.

Der Fokus liegt hierbei auf der Begleitung der Patienten während der akuten Erkrankung – etwa bei Bauchspeicheldrüsenkrebs oder Lungenkrebs -, also Krebserkrankungen mit immer noch eher schlechten Heilungschancen. Die Deutsche Krebshilfe steht auch weiteren Forschungsprojekten zum Thema „Sport und Krebs“ sehr aufgeschlossen gegenüber, immer mit dem Ziel, dass wissenschaftliche Erkenntnisse möglichst schnell und flächendeckend in die Praxis umgesetzt werden und den Krebspatienten zugutekommen.

Meine Damen und Herren, Sport und körperliche Aktivität als „Krebsmedikament“, das nicht pharmazeutisch hergestellt wird. Es kann weder eingenommen noch verabreicht werden – der Patient muss selbst aktiv werden und dies in einer Zeit, in der häufig Erschöpfung und Angst vor der Zukunft sein Leben bestimmen.

Das ist ein Paradigmenwechsel und bedarf eines Bewusstseinswandels in den Köpfen aller, die mit dem Krebspatienten zu tun haben: egal ob Ärzte, Physio- oder Sporttherapeuten. Es gilt, Krebspatienten und Ärzte umfassend über die positiven Effekte körperlicher Aktivität zu informieren sowie die Akzeptanz beim medizinischen Personal und den Betroffenen für gezielte sportliche Betätigung in der Behandlungsphase zu erhöhen. Hierzu sollen die von uns geförderten Projekte durch die Gewinnung neuer wissenschaftlich nachgewiesener Erkenntnisse beitragen.

Darüber hinaus scheint es an der Zeit zu sein, auch auf dem Gebiet „Sport und Krebs“ – wie bereits zur Diagnostik und Therapie von einzelnen Tumorerkrankungen – Leitlinien sowohl für Ärzte als auch für Patienten zu erstellen, an denen sich diese orientieren können. Auch darüber wird die Deutsche Krebshilfe nachdenken.

Um unser Engagement im Bereich Sport in der Rehabilitation und Nachsorge bei Krebs zu verstärken, haben wir gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund, dem Deutschen Behindertensportverband, dem Landessportbund Nordrhein-Westfalen und der Deutschen Sporthochschule Köln eine Arbeitsgemeinschaft „Reha und Sport“ ins Leben gerufen. Ziel der Zusammenarbeit ist es, Betroffene und Fach- und Hausärzte über körperliche Aktivität bei Krebs sowie über Angebote zur Krebsnachsorge zu informieren. Zudem wollen wir vorhandene Strukturen optimieren. Unsere Vision ist es, ein flächendeckendes Angebot einzurichten.

Mit einer in Kürze startenden Umfrage bei allen Onkologischen Zentren und Reha-Kliniken mit onkologischem Schwerpunkt wollen wir den Stand der Versorgungsstruktur auf diesem Gebiet ermitteln und analysieren. Darüber hinaus erhoffen wir uns umfassende Erkenntnisse, in welcher Form und Intensität den Patienten das Thema „Sport und Krebs“ bereits in der Therapie und Rehabilitation sowie im Rahmen der Nachsorge vermittelt wird.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, der mittlerweile hohe Stellenwert von „Sport und Krebs“ im Rahmen der Krebstherapie spiegelt sich auch im Programm des 31. Deutschen Krebskongresses wieder – zahlreiche Vorträge widmeten und widmen sich in diesen Tagen diesem Thema. Ich bin sicher, dass der Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse neue Anregungen zu weiteren richtungweisenden Projekten und Initiativen bieten wird.

Statement von Gerd Nettekoven, Deutsche Krebshilfe e.V., Bonn

 


Krebszeitung

--Download Sport unterstützt Krebstherapie als PDF-Datei --