Der Patient im Fokus der Experten

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Neben der Erforschung neuer Medikamente, den Diskussionen um die Finanzierbarkeit moderner Therapien und der Umsetzung verbesserter Früherkennungsmaßnahmen wurde der Patient mit seinen Belangen bislang oft übersehen. Mit dem vierten Behandlungsfeld des Nationalen Krebsplans steht „Der Patient im Mittelpunkt“ der Krebsforschung.

Dass zur bestmöglichen Behandlung eines Krebspatienten nicht nur die neuesten Therapien nötig sind, sondern auch eine ausführliche Beratung und Hilfestellungen nach der Behandlung wieder in den Lebensalltag zurück zu finden, steht außer Frage. Dies aber auch in der Praxis umzusetzen, ist für die Leistungserbringer nicht immer einfach.

Ziel des Nationalen Krebsplanes ist es daher, Ärzte im Umgang mit Patienten und deren Angehörigen zu schulen und zu unterstützen. Dies ist wichtig, denn „falsche Kommunikation kann zu Unsicherheiten und sogar Fehlentscheidungen führen“, erklärte Dr. Ulrike Helbig von der Deutschen Krebsgesellschaft. Darüber hinaus soll sichergestellt werden, dass Patienten Zugang zu adäquaten Informationen haben und ihre Patientenkompetenz gestärkt wird.

Auch in der psychoonkologischen Beratung findet ein Umdenken statt. Betreuungsangebote für Angehörige gibt es bereits, allerdings kaum spezielle Angebote für Kinder erkrankter Eltern. Dabei ist die Angst, ein Elternteil zu verlieren, eine große emotionale Belastung. Eltern fühlen sich oft überfordert bei der Aufklärung ihrer Kinder und erhalten häufig keine angemessene Unterstützung durch den behandelnden Arzt. „Diese Gespräche sind auch für Onkologen schwierig. Fort- und Weiterbildungen können in Zukunft hier allen Beteiligten helfen“, hofft Frau Dr. Weschenfelder der Klinik für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters der Charité.

Weiterhin widmete sich das Podium einem Schwerpunkt des Kongresses – dem Langzeitüberleben nach Krebs. Professor Thorsten Langer vom Universitätsklinikum Erlangen forscht im Bereich der Spätfolgen nach Krebs. Im Speziellen handelt es sich dabei um Patienten, die sich im Kindesalter einer Krebsbehandlung unterziehen mussten und nun unter den Folgen zu leiden haben. Hier gibt es noch immer eine Versorgungslücke. Um diese zu schließen plädiert er für spezielle Nachsorgesprechstunden mit lokaler Vernetzung im ambulanten Bereich.

Der Weg „zurück in den Alltag“ geht für viele Krebspatienten über eine Rehabilitationsmaßnahme im Anschluss an ihre Therapie. Wie die Podiumsdiskussion jedoch zeigte, müssen gerade diese Maßnahmen auch kritisch hinterfragt werden. Während sich Professor Helge Bartsch von der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg für die Investition in eine Reha und eine damit verbundene schnelle Wiedereingliederung von Patienten in ihren Beruf aussprach, forderte der Kongresspräsident Professor Peter Albers bei einigen Tumorerkankungen – beispielsweise beim Prostatakrebs – zunächst mehr Daten zum Nutzen und zur Kosten-Nutzen-Effizienz von Reha-Maßnahmen.

Mit der Vorstellung der aktuellen Publikation „Das Krebsbuch“ von der Ressortleitung Gesundheit der Bildzeitung, Sarah Majorczyk, wurde auch das Thema Krebs in den Medien und im öffentlichen Bewusstsein angesprochen. „Kaum ein Thema begegnet uns in der Medienwelt mit einer so traurigen Regelmäßigkeit wie Krebs – und zu kaum einem Thema erhalten wir so viele emotionale und Hilfe suchende Reaktionen der Leser. BILD will Aufklärung leisten. Wir wollen Betroffene und Angehörige auf dem oft schweren und langen Weg vom Verdachtsmoment über die Diagnose und die Therapie bis hin zur Nachsorge begleiten. Wir wollen die unzähligen Fragen beantworten – und Mut machen. Deshalb haben wir gemeinsam mit insgesamt 28 Experten der Deutschen Krebsgesellschaft „Das Krebs Buch“ verfasst.“

Ein Video der Pressekonferenz können Sie sich hier ansehen:

Patientenorientierung im Nationalen Krebsplan

Den Nationalen Krebsplan, der im Jahre 2008 von der Deutschen Krebsgesellschaft, der Deutschen Krebshilfe und dem Bundesministerium für Gesundheit initiiert wurde, besteht aus vier verschiedenen so genannten Handlungsfeldern. Diese verschiedenen Handlungsfelder setzten sich mit den relevanten Hauptschwerpunkten der Versorgung bei Krebserkrankungen auseinander, beschreiben die Ist-Situation und definieren eine sinnvolle und wünschenswerte Zielausrichtung.

Neben der „Weiterentwicklung zur Krebsfrüherkennung, der „Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen und Qualitätssicherung“ der „Onkologischen Behandlung (Arzneimittelversorgung)“ ist der „Stärkung der Patientenorientierung“ ein ganzes Handlungsfeld gewidmet.

Alle Handlungsfelder haben die Versorgung des Patienten bzw. den gesunden Menschen, der potentiell erkranken könnte im Fokus. Das Handlungsfeld vier geht dabei aber insbesondere auf die Versbesserung der Informations-, Beratungs- und Hilfsangebote für Krebskranke und ihre Angehörigen ein und hat den Weg zu einer verbesserten Kommunikationskompetenz der Leistungserbringer und der Patientenkompetenz zum Inhalt.

Inhaltlich oder sprachlich unverständliche Kommunikation führen zu Unsicherheiten und mangelndem Verständnis der Situation in der sich der Patient befindet und eher zu persönlichen Fehlentscheidungen. Um die partizipative Entscheidungsfindung als Basis in die Gesprächspraxis zu integrieren, müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden.

Daher ist im Nationalen Krebsplan ein ganzes Handlungsfeld darauf ausgerichtet, die notwendigen Konditionen für eine verbesserte Versorgung von Krebspatienten durch eine Stärkung des Patienten selbst zu formulieren, Umsetzungsempfehlungen zu geben sowie notwendige Forschungsbereiche zu beschreiben um noch fehlende Kenntnisse zu gewinnen.

So kann beispielsweise eine verbesserte Kommunikation zwischen Arzt und Patient bereits im Studium trainiert werden, evidenz basierte medizinische Behandlungsleitlinien werden in eine auch für Nicht-Fachkräfte verständliche Form gebracht (Patientenleitlinien). Viel Wissen liegt bereits vor, aber es ist noch Bedarf an einer guten und übersichtlichen Zugänglichkeit für Patienten. Der Nationale Krebsplan schafft die Basis, Patienten ein verbessertes Netzwerk anbieten zu können.

Dr. Ulrike Helbig, Deutsche Krebsgesellschaft

Krebs in den Medien am aktuellen Beispiel „Das Krebsbuch“

Kaum ein Thema begegnet uns in der Medienwelt mit einer so traurigen Regelmäßigkeit wie Krebs – und zu kaum einem Thema erhalten wir so viele emotionale und Hilfe suchende Reaktionen der Leser.

Mediziner unterscheiden mittlerweile 300 verschiedene Krebsarten, erforschen jede einzelne bis ins Gen-Detail. Das sorgt für Hoffnung, weil es immer persönlichere Therapien gibt, es sorgt aber auch für Unsicherheit, da kaum ein Betroffener überblicken kann, was für ihn gut und richtig ist und wo er die beste Hilfe bekommt.

BILD will Aufklärung leisten. Wir wollen Betroffene und Angehörige auf dem oft schweren und langen Weg vom Verdachtsmoment über die Diagnose und die Therapie bis hin zur Nachsorge begleiten. Wir wollen die unzähligen Fragen beantworten – und Mut machen. Deshalb haben wir gemeinsam mit insgesamt 28 Experten der Deutschen Krebsgesellschaft „Das Krebs Buch“ verfasst.

BILD möchte mit dem Krebs-Buch Orientierung bieten. Es bündelt das Wissen der über 6.500 Experten der Deutschen Krebsgesellschaft und übersetzt dieses in leicht verständliche Erklärungen und Graphiken.

Dass in den Medien über Neuheiten bei Therapien und Forschungsentwicklungen berichtet wird, wie wir es in dieser Woche passend zum Krebs-Kongress getan haben, halte ich für wichtig. Wichtig ist aber auch, die Details dieser Krankheit und die vielen kleinen Fragen im Alltag eines Betroffenen nicht aus den Augen zu verlieren.

In meiner Familie haben zwei enge Verwandte in den letzten beiden Jahren die Diagnose Krebs erhalten. Beide sind plötzlich in einer Welt, in der sie sich nicht zurechtfinden. Mein Onkel, Darmkrebspatient, sollte z.B. entscheiden, ob er seine Chemotherapie lieber in Form von Tabletten oder über einen Port bekommen möchte. Mein Onkel hatte das Wort Port vorher noch nie gehört. Die Vor- und Nachteile des Hilfsmittels zu erläutern war im Zeitbudget des Arztes nicht vorgesehen. Dafür kann der einzelne Arzt nichts – aber der Patient auch nicht. Es sind diese vielen kleinen Stellen im Alltag von Patienten und Angehörigen, in denen Hilfe nötig ist.

Krebs ist heute eine Krankheit, die in der Mehrzahl der Fälle gut behandelt werden kann, die dadurch aber auch zu einer chronischen Krankheit wird – und grade eine solche braucht mündige Patienten. Patienten die wissen, welche Behandlungen möglich sind und mitentscheiden können, was sie sich für welche Erfolgsaussichten zumuten. An dieser Stelle sind wir Medien in der Verantwortung.

Das Krebs-Buch gibt Hilfe in Sachfragen, begleitet aber auch durch ganz persönliche und emotionale Momente anhand von Schilderungen prominenter Patienten. Ein künstlicher Darmausgang ist zum Beispiel für jeden Patienten schwierig, egal ob sich sein Leben in Oberhausen- Osterfeld abspielt oder auf den roten Teppichen dieser Welt. Persönliche Schicksale bekannter Menschen offen und ungeschminkt zu schildern hilft vielen Betroffenen ihr eigenes Schicksal anzunehmen. Durch Aufklärung und Orientierung Betroffene zu bestärken und zu ermutigen – auch das sollte ein Anliegen der Medien sein.

Sarah Majorczyk, Ressortleitung Gesundheit der Bildzeitung

Wir haben Krebs – Krebs als Herausforderung für die Familie

Wenn Menschen eine Krebsdiagnose erhalten, so ist die ganze Familie von Sorgen, Ängsten und Veränderungen im Alltag betroffen. Eine unterstützende psychoonkologische Begleitung ist in Deutschland seit vielen Jahren für Patienten mit Krebserkrankungen üblich und auch die Angehörigen rücken zunehmend in den Blickwinkel der behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Als „Angehörige“ hat man lange Zeit nur Erwachsene berücksichtigt. Auch in der Kinderonkologie hat sich die psychologische Betreuung der Eltern, deren Kind an Krebs erkrankt ist, etabliert. Die gegensätzliche Konstellation, d.h. die minderjährigen Kinder, deren Eltern an Krebs erkrankt sind, wurden hingegen lange Zeit nicht beachtet. Es bestand kaum ein Bewusstsein dafür, dass sie einer besonderen Belastung ausgesetzt sind. Nach Angaben der Deutschen Krebshilfe sind jährlich 200.000 Kinder in Deutschland von der Krebserkrankung eines Elternteils betroffen.

Aus zahlreichen Untersuchungen ist mittlerweile bekannt, dass diese Kinder auf Grund der erheblichen emotionalen Belastung ein hohes Risiko für die Entwicklung psychischer Störungen haben. Unabhängig von ihrem Alter spüren sie, dass in der Familie etwas nicht stimmt, und viele Kinder haben Angst, dass der kranke Elternteil sterben könnte. Wenn sie keine genaueren Informationen erhalten, sind sie ihren Phantasien ausgesetzt, die teilweise bedrohlicher sind als die Realität. In dem Bestreben, die Kinder möglichst vor Problemen zu schützen, vermeiden die verunsicherten Eltern dagegen häufig das offene Gespräch. Umfangreiche Studien zeigen, dass das Ausmaß von psychischen Auffälligkeiten der Kinder nicht von Schwere oder Verlauf der elterlichen Erkrankung abhängt, sondern vor allem vom innerfamiliären Bewältigungsstil und der Kommunikation.

Zur Prävention kindlicher psychischer Störungen ist daher die alters- und entwicklungsgerechte Einbeziehung der Kinder in die innerfamiliäre Kommunikation und Verarbeitung der Krebserkrankung von entscheidender Bedeutung. Allerdings fühlen sich Eltern häufig mit der Aufklärung ihrer Kinder über die Krebserkrankung überfordert und erfahren durch ihre (onkologischen) Ärzte wenig Unterstützung. Die Erfahrung aus der Beratung für Kinder krebskranker Eltern zeigt, dass oft wenige Gespräche ausreichen, um die Sprachlosigkeit und Unsicherheit beim Thema Krebs in der Familie zu überwinden, die Kommunikation unter den Familienmitgliedern anzuregen und damit eine Entlastung aller herbei zu führen.

Ärzte sollten also ihre Patienten fragen, ob sie minderjährige Kinder haben, um auf die Sorgen der Eltern bezüglich der Kinder reagieren zu können, z. B. durch Empfehlung von Beratungsangeboten. Um sich diesen emotional hoch belasteten Gesprächen mit den Patienten gewachsen zu fühlen, sollten insbesondere in der Onkologie tätige Ärzte verstärkt in Gesprächsführung fort- und weitergebildet werden. Und Beratungsangebote für Kinder krebskranker Eltern sollten weiter aus- und aufgebaut werden, um die Versorgung dieser Risikogruppe zu verbessern.

Dr. med. Heike Weschenfelder, Charité – Universitätsmedizin Berlin

Spätfolgen von Krebserkrankungen im Kindesalter

Hintergrund

Die Therapie kindlicher Krebserkrankungen hat in den vergangenen vier Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht: Die Überlebensraten stiegen von weniger als 20 % in den 1960er-Jahren auf heute über 80 % an1, 2. Von den in Deutschland jährlich ca. 1.800 neu an Krebs erkrankten Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren überleben mittlerweile jedes Jahr ca. 1.450.

Damit ist die Prävalenz langzeitüberlebender junger Erwachsener zwischen 15 und 45 Lebensjahren von 1 von 900 (0,11 % dieser Altersgruppe) im Jahr 2000 auf 1 von 500 (0,2 % dieser Altersgruppe) im Jahr 2010 angestiegen3. Die 10-Jahres-Mortalität der langzeitüberlebenden jungen Erwachsenen ist fünf Jahre nach Diagnosestellung im Vergleich zur Normalbevölkerung allerdings dreifach erhöht4. Die Mortalität durch Rezidive und Zweitmalignome sind dabei nicht berücksichtigt.

Zu den bedeutsamen Spätfolgen nach einer Krebserkrankung im Kindesalter gehören Kardiomyopathien durch Anthrazykline, Hörverluste durch Platinderivate, Einschränkungen der Nierenfunktion durch Ifosfamid, Störungen endokriner Funktionen mit Minderwuchs, Schilddrüsenunterfunktionen und Infertilität durch Strahlentherapie und Alkylantien, neuropsychologische und kognitive Leistungsstörungen durch Schädelbestrahlung in Kombination mit Chemotherapie und Zweitmalignome durch Strahlentherapie und Topoisomerase-II-Inhibitoren5-10.

Heutzutage leben in den USA mehr als 10 Millionen Überlebende einer Krebserkrankung, davon 250.000 Überlebende einer Krebserkrankung im Kindes- und Jugendalter11. In Deutschland leben fast 30.000 ehemalige krebskranke Kinder und Jugendliche. Die Gesamtzahl der Überlebenden nimmt pro Jahr zu2, 12. Für die Erforschung der Kollektive ehemaliger Patienten wurden in den USA und in Großbritannien große retrospektive Studien initiiert, die Childhood Cancer Survivor Study (CCSS) in den USA und die British Childhood Cancer Survivor Study (BCCSS) in Großbritannien. In Deutschland wurde 1998 das Late Effects Surveillance System (LESS) gestartet, in dem prospektiv die Überlebenden auf Spätfolgen untersucht werden.

Prof. Dr. med. Thorsten Langer, Kinder- und Jugendklinik, Abteilung für Hämatologie, Onkologie und Zelltherapie, Universitätsklinikum Erlangen

Rehabilitationsstrategien nach Tumortherapien (Pro)

Die Therapiestrategien gegen Krebserkrankungen haben sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. Operationen sind teilweise weniger aggressiv, Strahlentherapien erheblich präziser und das Spektrum medikamentöser Behandlungen um wesentliche Facetten erweitert worden. Gleichzeitig stehen wir verschiedenen Herausforderungen gegenüber für die es qualifizierte, effiziente und aufeinander abgestimmte Versorgungskonzepte benötigt (wachsende Zahl Tumorkranker, weniger Ärzte in der Versorgung, neue Vergütungsstrukturen im Krankenhaus, höheres Informations- und Partizipationsbedürfnis der Patienten, erheblich angewachsener Bürokratieaufwand, etc.).

Alle Bemühungen um verbesserte Versorgungsstrukturen (zertifizierte Krebszentren), verbesserte Therapiestrategien und Transparenz gegenüber den Betroffenen können jedoch nicht die individuellen Krankheits- und Behandlungsfolgen im körperlichen, psychischen und sozialen Status eines Patienten beseitigen. Die Akutmedizin hat dafür aber einen blinden Fleck, d.h. auch systembedingt liegt der Blick auf dem kranken Organ, der Beseitigung des Tumors und der Absicht möglichst eine Heilung trotz z. T. erheblicher Kollateralschäden zu erreichen.

Exakt an dieser Stelle braucht es ein Anschlusskonzept. Die Grundphilosophie der medizinischen Rehabilitation, basierend auf einem bio-psycho-sozialen Ansatz, ist funktionsorientiert. Welche Schäden liegen in Folge Krankheit oder Therapie vor? Welche seelischen Belastungen sind bei dem Patient selbst bzw. in seinem Umfeld aufgetreten? Wie sieht die Perspektive der Reintegration in das familiäre und ggf. berufliche Umfeld aus? Über welche Ressourcen verfügt der einzelne Patient?

Diese Themen sind die Kalkulationsbasis eines interdisziplinären Aktionsprogrammes für Patienten und gegen die vielfältigen Funktionsstörungen, Einschränkungen und Belastungen. Mit entsprechenden Informations- und Schulungsprogrammen werden Akzente zur Krankheitsbewältigung und Lebensplanung gesetzt. Mit körperlichen Aktivitätsstrategien Energie und Ausdauer für den Lebensalltag aufgebaut. Mit gezielten Therapieansätzen Funktionsstörungen verringert oder bestenfalls beseitigt. Das Ganze kann ambulant oder stationär, eingebunden in ein umfangreiches Qualitätssicherungsprogramm erfolgen. Verglichen mit Behandlungen im akutonkologischen Bereich sind die Kosten für ein derartiges dreiwöchiges Kompaktprogramm unter Kosten/Nutzen Gesichtspunkten mit durchschnittlich ca. 3 – 3.500 € eine extrem effektive Gesundheitsleistung. Von den ca. 450.000 Neuerkrankten Krebspatienten nehmen jedoch nur ca. ein Drittel derartige Leistungen in Anspruch. Für die Kostenträger rechnet sich die Investition jedoch schon dann wenn deren Versicherte dank der Wiedereingliederung in ihre berufliche Tätigkeit nur 6 Monate wieder Sozialbeiträge einzahlen. Von Fragen nach der Häufigkeit einer Inanspruchnahme sekundärer Gesundheitsleistungen ganz zu schweigen.

In der Rehabilitation von onkologischen Patienten hat es in den vergangenen 15 Jahren einen enormen Zuwachs wissenschaftlicher Projekte gegeben, die sich der Weiterentwicklung und Nutzenbewertung dieses interdisziplinären Ansatzes angenommen haben. In der Versorgungskette von Tumorpatienten stellt die Rehabilitation ein wesentliches Glied dar, welches im Übrigen kein deutsches Sonderphänomen ist, sondern im europäischen Umland zunehmend an Interesse findet. Wir haben damit ein hochqualifiziertes Exportprodukt.

Professor Hans Helge Bartsch, Klinik für Tumorbiologie, Freiburg

Rehabilitation – kritisch hinterfragt

Eine onkologische Rehabilitation umfasst gezielte Maßnahmen, die die körperlichen und seelischen Folgen der Tumorerkrankung mildern beziehungsweise beseitigen helfen. Finden sie unmittelbar nach der Krankenhausbehandlung statt, dann spricht man auch von einer Anschlussheilbehandlung. Bei Berufstätigen oder Arbeitslosen werden solche onkologischen Anschlussheilbehandlungen fast immer von den Rentenversicherungen getragen. In der Regel dauern sie drei Wochen und sind in einer Kurklinik oder ambulant möglich. In dieser Zeit kann ein Patient mit Bewegungseinschränkungen zum Beispiel von einer gezielten Physiotherapie profitieren. Außerdem lernt er den Umgang mit den Besonderheiten der eigenen Erkrankung, etwa mit einem künstlichen Darmausgang oder einem drohendem Lymphstau. Auch helfen psychoonkologische Maßnahmen, krankheitsbedingten Stress und Ängste abzubauen.

Keine Frage, dieser Kuraufenthalt kann eine wertvolle Hilfe für Patienten sein. Es versteht sich von selbst, dass die Ziele einer Anschlussheilbehandlung auf die persönlichen Bedürfnisse und die individuelle Krankheitssituation abgestimmt sein sollten. Dennoch müssen wir uns die Frage gefallen lassen, wie viel unsere Rehabilitationsmaßnahmen den Patienten wirklich nützen? Und rechtfertigt der Nutzen die Kosten, die damit verbunden sind?

Ich möchte Ihnen im Folgenden zwei Beispiele vorstellen, die zumindest Zweifel daran aufkommen lassen, dass wir hier optimal mit unsere Ressourcen umgehen: Das Prostatakarzinom ist mit etwa 58.000 Neuerkrankungen pro Jahr der mit Abstand häufigste bösartige Tumor des Mannes. Oft wird dann eine ‚radikale Prostatektomie’, also die Komplettentfernung der Prostata durchgeführt. Die OP birgt die Gefahr von Verletzungen am Schließmuskel. In der Folge stellt sich bei den Betroffenen eine Harninkontinenz ein, die eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität darstellt. Nahezu alle Patienten haben direkt nach der Operation vorübergehende Kontinenzprobleme. Folglich erhalten diese Patienten in der Anschlussheilbehandlung ein Beckenbodentraining unter der Anleitung eines Physiotherapeuten.

Ein im letzten Jahr publizierter HTA-Bericht des britischen National Institute for Health Research lässt Zweifel daran aufkommen, ob dieses angeleitete Training tatsächlich die Harninkontinenz dieser Patienten verbessern kann.1 Unabhängig davon, ob die Übungsanweisungen aus einer einfachen Broschüre kamen oder im persönlichen Training vom eigens dafür ausgebildeten Physiotherapeuten, es zeigten sich keine Unterschiede in den Inkontinenzraten und in der Lebensqualität der Patienten.

Das angeleitete Beckenbodentraining erhöhte allerdings die Kosten der Rehabilitation deutlich, obwohl das Übungsprogramm in dieser Untersuchung ambulant und nicht stationär durchgeführt wurde.

Es gibt andere Beispiele, etwa beim Nierenzellkarzinom, bei dem wir mittlerweile über laparoskopische Techniken verfügen, mit denen sich die üblicherweise kleinen Tumoren möglichst schonend entfernen lassen. Der Eingriff ist in manchen Fällen einer Nierenbiopsie vergleichbar ‒ der Patient kann bereits zwei Tage später wieder nach Hause. Er hat aber genau denselben Anspruch auf eine dreiwöchige Anschlussheilbehandlung wie ein Patient mit einem Blasenkarzinom und Anlage einer Ersatzblase, der mehrere Stunden lang operiert wurde, sich von einem schwerwiegenden Eingriff erholen und die Handhabung der Ersatzblase erlernen muss.

Rehabilitationseinrichtungen, die von einem Rentenversicherungsträger belegt werden, nehmen am Qualitätssicherungsprogramm der Deutschen Rentenversicherung teil. Aber leider sind nur wenige Rehabilitations-maßnahmen so gut untersucht wie in dem genannten HTA-Report zur Effizienz des Beckenbodentrainings. Wir brauchen evidenz-basierte Reha-Medizin, das bedeutet auch: gezielte Untersuchungen aus der Versorgungsforschung sind nötig, um Daten zum Nutzen und zur Kosten-Nutzeneffizienz von Reha-Maßnahmen zu generieren.

Die Rehabilitation erfüllt eine wichtige Funktion bei der Wiedereingliederung der Patienten ins soziale Leben, und wir sollten darauf achten, nutzlose Reha-Maßnahmen zu vermeiden. In kaum einem anderen Land außerhalb Deutschlands haben Krebskranke einen automatischen Anspruch auf Rehabilitation. Zwar sind die Kosten der Rehabilitation gering im Vergleich zu den restlichen Gesundheitsausgaben. Dennoch sollten wir eine generelle Komplettversorgung oder ein gelegentlich überzogenes Anspruchsdenken an dieser Stelle kritisch hinterfragen.

Referenzen

1 Glazener C, Boachie C, Buckley B, et al. Conservative treatment for urinary incontinence in Men After Prostate Surgery (MAPS): two parallel randomised controlled trials. Health Technology Assessment 2011; Vol. 15: No. 24 ISSN 1366-5278

Prof. Peter Albers, Präsident des DKK 2012 und Direktor der Urologischen Klinik am Universitätsklinikum Düsseldorf

Pressestelle der Deutschen Krebsgesellschaft e.V., Katrin Mugele


Krebszeitung

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