Defekte Genschalter lösen Blutkrebs bei Kindern aus

Von einem Tumor in das Patientenblut ausgeschwemmte Tumorzelle - Quelle: SIMFO Spezielle Immunologie Forschung + Entwicklung GmbH

Pablo Landgraf hat spezielle Genschalter im Erbgut identifiziert und beschrieben, die bei an Blutkrebs erkrankten Kindern verändert vorliegen. Für diese Entdeckung erhält der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Klinik für pädiatrische Onkologie, Hämatologie und Klinische Immunologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf den diesjährigen Kind-Philipp-Preis. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird von der Kind-Philipp-Stiftung im Stifterverband verliehen. Die Stiftung fördert die Leukämie- und Krebsforschung. Jedes Jahr schreibt die Stiftung den „Kind-Philipp-Preis für pädiatrisch-onkologische Forschung“ für die beste Arbeit deutschsprachiger Autoren zur Erforschung von Leukämie und Krebs bei Kindern aus.

Kind-Philipp-Preis 2008 geht an Düsseldorfer Krebsforscher Pablo Landgraf

Mit jedem Erkenntnisgewinn, der seit der Entdeckung der Erbsubstanz DNA erfolgt ist, eröffneten sich neue Fragen. Zu einem der größten Rätsel gehörte zweifellos die Beobachtung, dass der Mensch zwar um ein Vielfaches komplexer ist als ein Bakterium, aber lediglich siebenmal mehr Gene in seinen Zellen trägt. Die Zahl der Gene konnte die Komplexität eines Lebewesens kaum erklären. Hingegen steigt die Gesamtlänge der Erbsubstanz DNA bei hoch entwickelten Organismen gegenüber einfachen rasant an. So machen die 25.000 bekannten menschlichen Gene lediglich 2 % seiner Erbmasse aus. Über die Funktion der restlichen 98 % war sich die Wissenschaft lange Zeit unschlüssig.

Die Entdeckung, dass hier wesentliche Schüsselinformationen für kleine Steuerelemente verborgen sind, wurde im Jahr 2002 vom Wissenschaftsmagazin „Science“ als Durchbruch des Jahres gefeiert.

Seither gelten die so genannten microRNAs als Schlüssel im komplexen Gefüge der Genregulation. Bis dahin galten die Ribonukleinsäuren – RNA – als Moleküle, die im Zellkern ausschließlich Botendienste übernehmen. Sie übertragen eine Kopie der genetischen Informationen aus dem Zellkern an die Produktionsstätten der Eiweiße. Die kleinen Verwandten der RNA leisten hingegen viel mehr: Sie steuern die Entwicklung von Zellen und Organismen, indem sie die Produktion von Eiweißstoffen verhindern und den Prozess der Übersetzung von Genen in Eiweißstoffe regulieren.

Da bei bösartigen Erkrankungen eine geordnete Regulation des Zellwachstums nicht mehr stattfindet, liegt es nahe, die Rolle der microRNAs auch bei der Tumorentstehung zu prüfen.

Eine Antwort auf die Frage der Entstehung von bösartigen Erkrankungen des Kindesalters suchte der Leukämiegenetiker Pablo Landgraf in der unterschiedlichen Ausstattung dieser Zellen mit microRNAs.

In über 26 verschiedenen Organsystemen und 90 verschiedene Zelltypen war er der microRNA auf der Spur. Die Studie umfasst Proben aus verschiedenen kindlichen Blutkrebsformen, Proben von kindlichen Hirntumoren, Brust- und Leberkrebszellen von Erwachsenen und gesunden Zellen aus diesen und anderen Geweben und Organen. Damit stellt die Studie die bis jetzt die größte Untersuchung von microRNAs im Säugetier dar. Für die Isolation und den Nachweis dieser kleinen RNAs wandte Landgraf spezialisierte Methoden an, die er in der Forschergruppe des microRNA-Pioniers Tom Tuschl von der Rockefeller Universität New York kennengelernt hat. Diese Methoden entwickelte er weiter und optimierte sie, so dass aufgrund der Ergebnisse von Landgraf die Sequenz von ca. 40 % aller in der offiziellen Datenbank aufgeführten microRNAs nachfolgend korrigiert werden musste.

Weiterhin konnte Landgraf 64 bislang unbekannte microRNAs identifizieren. Dazu gehören auch microRNAs, die mit großer Wahrscheinlichkeit spezifische Regulationsfunktionen in der Blutbildung innehaben und bei kindlichen Blutkrebserkrankungen verändert vorliegen.

Mit diesen Erkenntnissen eröffnen sich möglicherweise auch neue Ansätze für moderne Therapien. Ist eine genetische Änderung im Rahmen einer Krebserkrankung identifiziert, liegt es nahe, die von ihr initiierten Aktivitäten therapeutisch zu unterdrücken. Die Studie von Pablo Landgraf stellt die Grundlage für die Identifizierung dieser Zielstrukturen dar.

Die Stifter:

Die Stiftung wurde im Jahr 1972 von Dr. Ing. Walter Reiners zur Förderung der Erforschung der Grundlagen von Leukämie und Krebs im Kindesalter gegründet, nachdem sein Sohn Philipp an einer akuten Leukämie verstorben war.Die Kind-Philipp-Stiftung für Leukämieforschung entspringt der leidvollen Erfahrung, dass die Menschen Krankheit und Tod ausgeliefert sind. Philipp Reiners war 14 Jahre alt, als er trotz aller Therapie, die ihm die Medizin zu diesem Zeitpunkt geben konnte, verstarb. Sein Vater, Dr. Ing. Walter Reiners, Inhaber einer Textilfabrik in Mönchengladbach, rief die Stiftung ins Leben, im Gedanken, die Forschung zu fördern, um anderen Familien dieses Leid zu ersparen.

Pressemitteilung Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, Michael Sonnabend


Krebszeitung

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