BNCT – eine neue Form der Krebstherapie

Die Bor-Neutronen-Einfangtherapie bildet seit Jahren einen Forschungsschwerpunkt am Uni-Klinikum in Essen. Ein großer Erfolg liegt erst kurze Zeit zurück: Im Juli diesen Jahres gelang es dem europäischen Ärzteteam unter Essener Leitung am Forschungsreaktor der GFS in Petten (Niederlande) erstmals in Europa, bei einem Patienten mit Hirnmetastasen eines malignen Melanoms („schwarzer Hautkrebs“) erfolgreich die neue Therapiemethode einzusetzen.

Die Bor-Neutronen-Einfangtherapie nutzt die Eigenschaft des in der Natur vorkommenden, nicht radioaktiven Isotops Bor-10, Neutronen einzufangen und dabei eine auf eine Zelle begrenzte Kernreaktion auszulösen. Ziel ist, diese Reaktion ausschließlich in Tumorzellen auszulösen. Besonders die Behandlung von Hirnmetastasen wird hierdurch verbessert, weil Medikamente im Gehirn kaum wirksam sind und eine konventionelle Strahlentherapie keine ausreichende Wirkung erzielt.

Als Bor-Träger werden die Substanzen BSH und BPA verwendet. Es findet hier aber keine „ausschließliche“ Anreicherung statt. Beide Substanzen sind jedoch mehr in (Hirn-) Tumoren als im umgebenden (Hirn-)Gewebe zu finden. Bei BPA ist dies etwa 3,5 mal mehr, bei BSH ist es ein Faktor von > 10. Allerdings ist das Verhältnis Blut zu Tumor bei BPA ebenfalls ca. 3, bei BSH 1. Bei anderen Geweben gibt es kaum Untersuchungen, obwohl schon maligne Melanome, aber auch Metastasen von Colo-rektalen Karzinomen in der Leber behandelt wurden. Aus Japan wurde auch über Einzelfälle von Kopf-Halstumoren und Sarkomen berichtet..

BPA wird aktiv über ein Aminosäurentransport- System in die Zelle transportiert. Da der Stoffwechsel einer Tumorzelle höher als der einer normalen Zelle ist , wird mehr BPA in Tumorzellen transportiert. Bei BSH ist der Mechanismus nicht ganz klar, aber es wird davon ausgegangen, dass die Mehranreicherung in Hirntumoren auf der Basis der im Tumor gestörten Blut-Hirn-Schranke zu erklären ist.

Besonders die Behandlung von Hirnmetastasen ist bislang in der Krebstherapie problematisch, weil Medikamente im Gehirn kaum wirksam sind und eine konventionelle Strahlentherapie keine ausreichende Wirkung erzielt. Zwar können einzelne Metastasen operiert oder in der Radiochirurgie bestrahlt werden, diese Methoden sind jedoch bei multiplen Absiedlungen von Metastasen nicht einsetzbar.

Professor Dr. Wolfgang Sauerwein, Leiter des Essener Forschungsteams: „Wir sind sehr froh, dass nach fünf Jahren Vorbereitung die Behandlung erstmals einem Patienten angeboten werden konnte. Auch wenn wir Ärzte uns sehr viel von dieser neuen Behandlungsmöglichkeit versprechen, ist es noch zu früh, um über die Ergebnisse irgendwelche Aussagen machen zu können.“ Im Rahmen einer klinischen Studie müssten nämlich mindestens 24 Patienten der Behandlung unterzogen werden, bevor eine abschließende Aussage möglich sei.

Gefördert wurde die Entwicklung der Bor-Neutroneneinfangtherapie wesentlich durch Forschungsmittel aus Brüssel. Freude über den ersten erfolgreichen Einsatz herrschte daher auch bei dem europäischen Forschungskommissar Philippe Busquin. Er kommentierte: „Krebs ist eine große Bedrohung, jährlich sterben mehr als 750 000 Mitbürger in Europa an dieser schrecklichen Erkrankung. Die Europäische Union unterstützt Forschungsprojekte auf diesem Sektor mit mehr als 400 Millionen Euro. Die Kommission selbst ist über ihre Gemeinsame Forschungsstelle direkt an innovativen Forschungsvorhaben beteiligt um mitzuwirken, wissenschaftlichen Fortschritt ohne Verzögerung in praktische und hilfreiche diagnostische und therapeutische Verfahren umzusetzen, die am Patienten zum Einsatz kommen.“

In Petten sollen im kommenden Jahr weitere Patienten im Rahmen klinischer Studien mit der Bor-Neutronen-Einfangtherapie behandelt werden. Derzeit werden die ersten Ergebnisse der neuen Behandlungsform ausgewertet.

Wenn weiterhin ausschließlich knappe öffentliche Gelder zur Verfügung stehen und keine Beteiligung der Industrie erfolgt, werden sicherlich noch mindestens 10 Jahre gebraucht, um die Bor-Neutronen-Einfangtherapie hin zu einer klinisch einsetzbaren Methode zu entwickeln.

Weitere Informationen:
Professor Dr. Wolfgang Sauerwein,
Tel.: (0201) 723-2052,
E-Mail: w.sauerwein@uni-essen.de


Krebszeitung

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