Bei Schmerzen nicht leiden, sondern handeln

Schmerz - pixabay

Frühe Diagnose kann Gelenk- und Rückenbeschwerden lindern

Häufig liegen Monate oder Jahre voller Qual hinter ihnen: Menschen mit chronischen Schmerzen an Rücken und Gelenken müssen oft viel aushalten, bis sie Linderung erfahren. Meist warten die Betroffenen jedoch selbst viel zu lange, dass die Beschwerden von allein wieder verschwinden. Sie halten tapfer durch und schieben den Arztbesuch vor sich her, obwohl alltägliche Bewegungsabläufe immer schmerzhafter werden. Doch statt sich zu quälen, sollten Betroffene lieber schnellstmöglich aktiv werden.

Wichtig: Ursachenforschung und richtige Diagnose

Von möglichen Erbanlagen einmal abgesehen, ist es vor allem der heutige Lebensstil, der den Verschleiß an Wirbelsäule und Gelenken beschleunigt. Durch Bewegungsarmut, Übergewicht sowie Rauchen oder übermäßigem Alkoholgenuss werden Gelenke und Knorpel über Gebühr beansprucht und geschädigt. Die Folge sind Gelenkzerstörungen mit Einschränkungen der Beweglichkeit, Schwellungen, Schmerzen und zunehmendem Verlust der Lebensqualität. Doch so weit sollte man es nicht kommen lassen. „Wenn Gelenkbeschwerden über zwei bis drei Wochen anhalten, sollte eine orthopädische Abklärung erfolgen. Der frühe Arztbesuch ist entscheidend für eine Therapie, die schnelle Gelenkzerstörungen verhindern kann“, rät Prof. Dr. med Stefan Rehart, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am AGAPLESION Markus Krankenhaus in Frankfurt.

Behandlung an den Patienten anpassen

Ein frühzeitiges gezieltes Schmerzmanagement kann den Verlauf von Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen positiv beeinflussen. Dabei wird heute auf ein multimodales Behandlungskonzept gesetzt, das sich an den Bedürfnissen des Patienten orientiert. „Physikalische Therapiemaßnahmen wie Krankengymnastik, Stromtherapie und Bandagen können dabei ebenso zum Einsatz kommen, wie entzündungslindernde Spritzen in das Gelenk und Medikamente zur Schmerzlinderung“, erläutert Prof. Dr. Rehart.

Individuelle Risikoeinschätzung notwendig

Allerdings können einige klassische Schmerzmittel, die sogenannten nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR), Magenprobleme verursachen. Um diese Nebenwirkungen zu minimieren, rät Prof. Dr. med. Uwe Lange empfindlichen Patienten, ein Magenschutzpräparat hinzuzunehmen. Als weitere Alternative empfiehlt der Direktor für Physikalische Medizin und Osteologie der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim, auf einen modernen Wirkstoff umzusteigen. „Man therapiert mit neueren Mitteln, den COX-2 Hemmern, die im Vergleich zu klassischen NSAR weniger Beschwerden am Magen-Darm-Trakt auslösen“, so Prof. Dr. Lange. Aktivitäten könnten bald wieder normal aufgenommen werden. „Die sogenannten Coxibe hemmen die Entzündung“, ergänzt Prof. Dr. Rehart, „und bewirken dabei nicht nur eine Schmerzreduktion, sondern auch eine Abschwellung.“ Oberstes Ziel der Behandlung sei es, eine Wiederherstellung der Beweglichkeit zu erreichen, damit sich die Weichteile um das Gelenk herum nicht verfestigen. Bei Patienten mit Vorerkrankungen wie Magen-Darm-Geschwüren, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Bluthochdruck sei bei der Medikamentenwahl immer eine individuelle Risikobewertung durch den Arzt notwendig.

Überlastung vermeiden

Um die Bewegungsfähigkeit zu trainieren, ist gerade bei verschleißbedingten Beschwerden eine Therapie nötig, die wenig direkte Belastung auf die Gelenke bringt. „Dies kann zum Beispiel durch regelmäßiges Ergometertraining erfolgen. Ebenso ist eine muskuläre Kräftigung durch Schwimm- oder Radsport möglich“, erklärt Dr. med. Thorsten Kriese. Des Weiteren empfiehlt der Leitende Arzt der Orthopädischen Fachabteilung am Otto-Fricke-Krankenhaus in Bad Schwalbach aerobes Training wie Nordic Walking oder Wassergymnastik zur Verbesserung der Ausdauer. Auch eine gerätegestützte Bewegungstherapie kann die Muskeln kräftigen, ohne die Gelenke zu stark zu belasten.

Operation als letzter Ausweg

Bleibt dennoch, etwa an der Hüfte, dauerhaft ein Bewegungsdefizit bestehen, kann ein operativer Eingriff der letzte Ausweg sein. „Patienten, die sich nicht operieren lassen wollen, müssen damit rechnen, dass die Schmerzen schlimmer werden und sich die Funktion des Hüftgelenkes noch mehr einschränkt“, so Dr. med Liliana Tarau. „Die Muskeln verkürzen sich, die Schonhaltung wird stärker, die Schmerzen weiten sich aus“, erläutert die Wiesbadener Fachärztin für Anästhesiologie. Generell wird jedoch empfohlen, vor dem Eingriff alle konservativen Methoden auszuschöpfen und die Zweitmeinung eines weiteren Arztes einzuholen.

Weitere Informationen für Interessierte:

www.stark-gegen-schmerz.de – Infos zu Krankheitsbildern, Videos, Übungen bei Arthrose
www.rheuma-liga.de
– Selbsthilfe bei allen Rheumaarten
www.dgss.org
– Deutsche Schmerzgesellschaft e.V., umfassende Patienteninformationen

Interview mit Prof. Dr. med. Stefan Rehart, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am AGAPLESION Markus Krankenhaus in Frankfurt. Schwerpunkte: Orthopädische Rheumatologie, Endoprothetik an allen Gelenken, Hand- und Fußchirurgie.

  • Verschleiß, Bewegungsmangel, Psyche oder erbliche Anlage – wo sind die Ursachen von Gelenkentzündungen und -schmerzen zu suchen?

Prof. Dr. med. Stefan Rehart: Einmal abgesehen von möglichen Erbanlagen ist es besonders der heutige Lebensstil, der den Verschleiß an den Gelenken beschleunigt. Mit zunehmendem Alter gibt es prinzipiell mehr Arthrosen, es ist jedoch auch ein Altern mit unauffälligen degenerativen Veränderungen ohne Schmerzen oder Entzündungen möglich. Durch Bewegungsarmut, Übergewicht und Life-Style-Süchte wie Rauchen oder Alkoholgenuss wird der Knorpel aber über Gebühr geschädigt.

  • Häufig gehen Betroffene erst zum Arzt, wenn die Beschwerden über Wochen andauern und bereits eine Chronifizierung eingesetzt hat. Warum ist ein früher Behandlungsbeginn oft entscheidend?

Prof. Dr. med. Stefan Rehart: Es gilt, Bagatellen von ernst zu nehmenden Erkrankungen zu unterscheiden. Wenn Gelenkbeschwerden über zwei bis drei Wochen anhalten, sollte eine orthopädische Abklärung erfolgen. Dann kann nach einer ausführlichen Untersuchung, die von Laborwerten und bildgebenden Kontrollen gestützt wird, eine Diagnose gestellt und eine Therapie eingeleitet werden. In den Anfangsstadien ist diese üblicherweise konservativ, also nicht operativ. Der frühe Arztbesuch ist entscheidend für eine gezielte Therapie, die schnelle Gelenkzerstörungen verhindert, und für den Ausschluss anderer, möglicherweise ernster Erkrankungen.

  • Gelenkschmerzen gehen häufig mit einer Entzündung einher. Wie kann man dieser entgegenwirken?

Prof. Dr. med. Stefan Rehart: Entzündungen bei degenerativen Gelenkerkrankungen kann zum Beispiel mit alten Hausrezepten begegnet werden: Eispackungen, Quarkumschläge, Essigsaure-Tonerde-Verbände, nächtliche Salbenverbände und dergleichen. Auch ein Versuch mit Akupunktur ist denkbar. Physikalische Therapiemaßnahmen wie Krankengymnastik, Stromtherapie und Bandagen können dabei ebenso zum Einsatz kommen wie entzündungslindernde Spritzen in das Gelenk und Medikamente zur Schmerzlinderung. Sogenannte Coxibe hemmen die Entzündung und bewirken nicht nur eine Schmerzreduktion, sondern auch eine Abschwellung und Minderung der Gelenküberwärmung.

  • Um Schmerzen zu vermeiden, nehmen viele Patienten eine Schonhaltung ein und reduzieren ihre Aktivitäten deutlich. Was bedeutet dies für den Krankheitsverlauf?

 Prof. Dr. med. Stefan Rehart: Eine solche Entwicklung darf allenfalls kurzfristig akzeptiert werden. Dann sollten konservative Therapieverfahren genutzt werden, um eine Normalisierung der Beweglichkeit zu erreichen. Bleibt nämlich ein Bewegungsdefizit bestehen, können sich die Weichteile um das Gelenk herum so verfestigen, dass aufwendige Operationen erforderlich werden. Die beschriebenen Maßnahmen der physikalischen Therapie in Verbindung mit den entsprechenden Medikamenten bilden die Basis der Behandlung. Reicht das nicht aus, kann gegebenenfalls über minimal-invasive Gelenkspiegelungen, offen operative Verfahren oder den prothetischen Gelenkersatz Hilfe angeboten werden.

  • Gegen Schmerzen und Entzündungen werden häufig sogenannte NSAR eingesetzt, die jedoch Nebenwirkungen auf dem Magen-Darm-Trakt haben. Gibt es hierzu Alternativen? Und wie unterscheiden sie sich in der Wirkung?

Prof. Dr. med. Stefan Rehart: Reine Schmerzmedikamente, die Analgetika, treffen ausschließlich den Schmerz und wirken oft nicht genug gegen die entzündliche Komponente der Arthrose. Aus diesem Grunde nutzen wir gerne die traditionellen, älteren NSAR, in exakter Abstimmung mit dem individuellen Risikoprofil des einzelnen Patienten und in jedem Fall nur über kürzere Zeiträume. Bei Vorerkrankungen im Magen-Darm-Trakt würden wir bevorzugt die modernen, magenschonenderen NSAR, also die sog. COX-2-Hemmer, mit genauso starker Wirkung einsetzen und die Betroffenen regelmäßig überwachen. Der Wechsel von traditionellen auf die modernen NSAR kann sich auch anbieten, wenn die älteren nicht gut genug wirken.

  • Welche Bedeutung kommt einem kontrollierten Bewegungstraining beim Behandlungserfolg von Gelenk- und Rückenbeschwerden zu?

Prof. Dr. med. Stefan Rehart: Die Behandlung sollte immer aus verschiedenen Ansätzen bestehen. Dabei spielt auch Krankengymnastik eine entscheidende Rolle, weil die Behandlung die Weichteile um das erkrankte Gelenk herum mit einbezieht. Bestehende Schwächen von Muskelgruppen können nach einer Funktionsdiagnostik gezielt trainiert, verkrampfte Strukturen zielgenau gedehnt und entspannt werden.

  • Was raten Sie Patienten, die so starke Rückenschmerzen haben, dass normale Schmerzmittel nicht mehr ausreichen?

Prof. Dr. med. Stefan Rehart: Zunächst sollte je nach Diagnose eine aus allen Therapieansätzen bestehende konservative Behandlung erfolgen, inklusive einer Arbeitsplatzanalyse mit Bewertung der erlebten Belastungen. Ergänzend ist eine ambulante schmerzverändernde Therapie mit psychotherapeutischen Komponenten sinnvoll, damit der Alltag wieder gemanagt werden kann. Diese Maßnahmen sollten von einer patientengerechten Medikamenteneinnahme begleitet werden – in erster Linie mit modernen COX-2-Hemmern. Eine stufenweise Intensivierung kann mit weiteren Medikamenten erfolgen, etwa Botenstoff-Wiederaufnahme-Hemmern oder Morphiumderivaten. In einigen Fällen ist eine kurzzeitige stationäre Schmerztherapie sinnvoll.

  • Die Einnahme starker Schmerzmittel geht häufig mit Müdigkeit und Verdauungsbeschwerden einher. Ist das bei allen Wirkstoffen so, die auf das zentrale Nervensystem wirken? Gibt es hier moderne Alternativen?

Prof. Dr. med. Stefan Rehart: Als Patient sollte man unterstützend neben konservativen Behandlungsformen und in Absprache mit dem Arzt eine angepasste Medikation wählen. Diese besteht z. B. in der Einnahme von schmerzlindernden und entzündungshemmenden Mitteln, die eine starke Wirkung mit einem akzeptablen Risikoprofil verbinden und nur einmal täglich genommen werden müssen, wie das bei sogenannten COX-2-Hemmern der Fall ist, oder von modernen, neueren starken Schmerzmitteln, die aufgrund eines speziellen Wirkansatzes weniger Nebenwirkungen im Verdauungstrakt haben können.

  • 9.    Bei welchen Vorerkrankungen ist man beim Einsatz von Schmerzmitteln eingeschränkt? Und welche Alternativen gibt es über die Schulmedizin hinaus?

Prof. Dr. med. Stefan Rehart: Bei Erkrankungen, die mit Geschwüren im Dünndarm oder dem Magen einhergehen, bei Herzerkrankungen oder bei Bluthochdruck sind besondere Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Hier wird der behandelnde Orthopäde eine individuelle Risikoeinschätzung vornehmen. Nach meiner Ansicht werden in Zukunft auch modernere Opioide, die am Verdauungstrakt geringere Nebenwirkungen aufweisen, zum Einsatz kommen

  • Welche Erfolge kann man von einer entzündungshemmenden Ernährung erwarten? Wie müsste diese aussehen?

Prof. Dr. med. Stefan Rehart: Eine Therapie, die erfolgreich eine alleinige entzündungshemmende Ernährung einsetzt, ist nicht bekannt. Prinzipiell kann aber eine ausgewogene, vitaminreiche und fleischarme Kost helfen, Auswirkungen der Arthrose auf die Gelenke abzumildern. Insgesamt kann von extern zugeführten Nahrungsergänzungsmitteln keine sichere Vermeidung einer Arthrose erhofft werden. Vor einer Anwendung sollte eine Beratung durch den Orthopäden erfolgen.

Pressemitteilung deutsche journalisten dienste (djd), Carmen Weigel


Krebszeitung

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